Brasilien

Guayaramerín Brasilien 

Es regnete immer noch wie aus Kübeln, als plötzlich drei junge Frauen hereinkamen, die Schutz vor dem Regen suchten und fragten, ob sie sich zu uns setzen dürften.

Alle waren gleich gekleidet: hellblaue Blusen, dunkle Hosen, halbhohe Schuhe. Eine von ihnen holte Getränke, und wir versuchten uns mit unserem Spanisch, zwischendurch auch mit etwas Englisch, zu verständigen. 

Wir fanden heraus, dass sie alle in einem Internat lebten, zur Vorbereitung auf die Aufnahme an die Universität.

Nach einer Weile merkte ich, dass eine dieser jungen, hübschen Frauen immer wieder mit ihrem Schuh meine Schuhsohle berührte und leise zu mir sagte: bello, bello

Ich war verlegen. 

So plötzlich, wie sie erschienen waren, verschwanden sie wieder, als der Regen aufhörte. 

Zum Abschied bekam ich noch einen grossen Schmatz auf die Wange. 

Wir gingen nach diesem hübschen Vorfall zurück ins Hotel. Rolf fühlte sich schlecht und wollte nichts essen.

Die Bustickets hatten wir bereits besorgt, mit dem Hinweis, dass der Bus pünktlich um 07.00 Uhr abfahren würde. Uns erwartete eine Fahrt von rund dreissig Stunden – auf einer unbefestigten Strasse, es waren ca. 1500 Kilometer 

Ich sass noch in der Rezeption, als plötzlich – in Zivilkleidung – die junge Frau erschien, die mir zuvor den Kuss auf die Wange gegeben hatte. 

Es blieb bei einem schönen Gespräch. Mehr geschah nicht. 

Doch ich hatte ein ungutes Gefühl, weil es Rolf nicht gut ging. So verabschiedete ich mich. 

Sie ist mir in Erinnerung geblieben. 

Bus on ferry en route to Guyara-Merim, Mato Grosso, Brazil 1975
Mato Grosso, bus en route to Cuiabá, Brazil 1975

Endlose Fahrt nach Cuiabá

Am nächsten Tag standen wir rechtzeitig vor der Abfahrt des Busses nach Cuiabá. Ticketkontrolle, einsteigen – und los ging es für diese lange Fahrt, die am Schluss noch länger dauerte als angegeben. 

Es waren zwei Fahrer im Bus, und niemand durfte stehen. Die „Straße“ konnte man kaum so nennen – es war ein unbefestigter Weg, mitten durch den Dschungel geschlagen. Unterwegs sahen wir immer wieder Lastwagen und Busse, die abseits der Trasse von der Hauptspur abgekommen und liegen geblieben waren. Mehrmals mussten alle Passagiere aussteigen, weil der Bus in tiefen Spuren stecken blieb. Es waren 42 Personen an Bord. 

Stückweise war die Fahrt ruhig, dann wieder ein einziger Schüttelbecher über längere Strecken. Wenigstens konnten wir sitzen.

Unser Bus gab den Geist auf

Wir waren etwa zehn Stunden unterwegs, als der Bus plötzlich den Geist aufgab. Die Fahrer versuchten immer wieder, ihn in Gang zu bringen, doch das Motorengeräusch klang eigenartig. Sie hielten an. Bei dem Halt standen zwei aus Brettern gezimmerte Baracken mit handgemachten Bänken. Wir konnten alle hineingehen – Gott sei Dank, denn es begann wieder zu regnen. 

Die Fahrer versuchten, am Motor etwas zu reparieren. Nach einer Weile teilten sie uns mit, wir müssten warten (kein Handy), bis der nächste Bus, der um 14 Uhr losfuhr, hier anhalten und uns mitnehmen würde. 

Nach einigen Stunden Wartezeit kam der Bus. Die Fahrer des kaputten Busses hatten eine große Diskussion mit den neuen Fahrern. Diese wollten uns zuerst nicht mitnehmen, weil niemand stehen dürfe. Nach langem Palaver durften wir schließlich einsteigen. Das Gepäck wurde auf das Dach geladen – die Gepäckluken waren schon voll. Und los ging es – stehend für weitere endlose Stunden. 

Insgesamt mit dem Zwischenfall waren wir fast 40 Stunden unterwegs. Rolf und ich standen am Eingang des Busses. Einer der Fahrer ließ uns ab und zu auf der Einstiegstreppe sitzen – das war zwar nicht super, aber doch besser als nur stehen. Der andere Fahrer döste oder schlief und sagte nichts zu unserem Arrangement. Bei Fahrerwechsel ließ der zweite jedoch nicht zu, dass wir auch nur einige Minuten dort sitzen durften. 

Die Beine schmerzten richtig fest. Alle über 40 stehenden Passagiere massierten sich zwischendurch die Beine. Wenn jemand die Fahrer fragte, ob es noch weit sei, kam immer die gleiche Antwort: „Wir sind fast angekommen.“ Und doch ging es noch endlose Stunden weiter. 

Plötzlich fühlte sich das Fahren wie auf einer Wolke an – die Straße war geteert, einige Kilometer vor der Ankunft in Cuiabá. Was für eine Wohltat: kein Schütteln, kein Hüpfen, keine Löcher mehr. 

Bei der Ankunft im Busbahnhof von Cuiabá grölten und sangen alle im Bus vor Freude, einige klatschten. Der Bus hielt an, und wir waren trotz aller Unannehmlichkeiten gut angekommen. 

Wir stiegen aus. Rolf und ich schauten uns an – es brauchte keine langen Sätze, wir hatten denselben Gedanken: Nicht noch stundenlang ein Hotel suchen. Wir gingen in das erstbeste Hotel, das wir beim Busbahnhof entdeckten, schauten ein Zimmer und den Preis an – er war vernünftig. 

Im Zimmer angekommen ließen wir die Rucksäcke fallen und gingen sofort unter die Dusche. Als wir uns gegenseitig anschauten, waren unsere Beine geschwollen, als hätten wir Astronauten-Anzüge an. Sofort die Beine hochlagern – der Schmerz verschwand langsam. 

Entdeckung einer Churrascaria

Nach einer langen Ruhepause und etwas Schlaf meldete sich der Magen. Wir hatten seit La Paz keine richtige Mahlzeit mehr gegessen. Wir waren uns einig: Ein schönes Stück Fleisch würde jetzt passen. Wir zogen uns an und fanden in wenigen Gehminuten genau das, was wir suchten – eine Churrascaria. 

An langen Spießen drehten sich Fleischstücke von Huhn, Schwein, Lamm und Rind. Sobald man ein Stück gegessen hatte, kam ein Kellner mit einem neuen. Dazu gab es Reis, Kartoffeln, rote Bohnen usw. Man konnte essen, so viel man wollte. Getrunken haben wir ein gekühltes Bier. Ob man viel oder wenig aß – der Preis war gleich. 

Wie wir weiterreisen würden, beschäftigte uns schon seit einigen Tagen. Geplant war ein Aufenthalt in Brasília, der modernen Stadt mitten im Dschungel. Anschließend wollten wir nach Rio de Janeiro mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten und wunderbaren Stränden fahren. 

Sugarloaf Mountain, Rio de Janeiro, Brazil, 1975

Plan war über Afrika nach Europa

Nach unserem Aufenthalt in Rio de Janeiro wollten wir der Küste entlang bis nach Salvador da Bahia fahren. Dort wollten wir schauen, ob wir ein Schiff oder eine Fähre nach Senegal finden könnten. Sollte das in Salvador nicht klappen, würden wir weiter nach Norden ziehen, um eine Überfahrt nach Senegal zu finden. Schlimmstenfalls würden wir uns für einen Flug nach Dakar entscheiden. Von dort dann über Mauretanien, Marokko, Spanien, Frankreich und zurück in die Schweiz. Das war der Plan. 

Nach einer kurzen Ruhepause in Cuiabá bestiegen wir eines Morgens den Bus, der uns nach Brasília brachte. Die Fahrt dauerte etliche Stunden mit kurzen Zwischenhalten. 

In einem Vorort von Brasília angekommen fanden wir schnell ein Hotel. Rolf fühlte sich nicht wohl, erbrach mehrmals und war schlechter Laune. Wir fanden eine kleine Imbissbude in der Nähe und gingen dort für eine kleine Mahlzeit. 

Am nächsten Tag machten wir uns selbstständig auf, die einmalige Stadt zu besichtigen. Es gab keine geführten City-Tours, nur einen kleinen Bus, der uns vom Vorort in die Stadt brachte. Den ganzen Tag verbrachten wir dort mit viel Staunen, wie verschwenderisch man hier mit dem Land umgegangen war: mitten im Dschungel alles herausgehauen, ein künstlicher See angelegt und vieles mehr – auch die unterirdische Kirche. (Ich lege einige Bilder bei.) 

Bei der Rückfahrt zu unserem Hotel hatten wir uns entschieden, nicht länger zu bleiben, sondern nach Rio de Janeiro weiterzufahren – auch damit Rolf zu einem Arzt gehen konnte. 

Capital do Brazil, 1975

Brasilia nach Rio de Janeiro und die Hepatitis

Flugreisen konnten wir uns nicht leisten, deshalb nahmen wir den Bus mit einer Fahrt von ca. 18 Stunden von Brasília nach Rio de Janeiro. 

Der Busbahnhof lag neben dem Hauptbahnhof. Wir buchten das erstbeste Hotel und zogen ein. Rolf klagte, es sei ihm unwohl und er habe keinen Appetit. 

Ich ging in die Rezeption und verlangte ein Telefonbuch. Der Angestellte fragte: „Wofür ein Telefonbuch?“ Zuerst verstand ich die Frage nicht, dann erklärte er mir, die Bücher seien branchenspezifisch. Ich verlangte eines mit dem Namen „Dottores“. Wie viele Eintragungen es hatte, weiß ich nicht mehr. Beim Durchsuchen stieß ich plötzlich auf einen europäisch klingenden Namen: Dr. Schaufelberger. Ich dachte mir, mit etwas Glück könnten wir uns mit diesem Arzt verständigen. 

Am nächsten Tag früh gingen wir in die Rezeption und riefen diese Nummer an. Die Dame antwortete auf Englisch. Ich erklärte das Unwohlsein von Rolf. Sie teilte uns mit, wir könnten sofort vorbeikommen. Die Adresse lag an der Avenida Copacabana, also in einem besseren Viertel. 

Wir bestiegen ein Taxi und gaben dem Fahrer die Adresse. Der Arzt empfing uns sofort. Er schaute Rolf an und sagte ohne Umschweife: „Sie haben Hepatitis.“ Rolf war schon ziemlich gelb. 

Der Arzt, der ein bisschen Deutsch sprach, sagte dann: „Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten:   

Sie buchen so schnell wie möglich einen Flug nach Europa und kurieren es dort aus,   oder Sie bleiben hier.“ 

Government building, Brasilia, Brazil, 1975
Government building in Brasilia, Brazil, 1975

Zwischendurch hatte er gefragt, wo wir abgestiegen seien. Er machte eine Kopfbewegung, die alles sagte.   

„Die zweite Möglichkeit: Sie bleiben hier in Rio, beziehen ein besseres Hotel, essen gesund – viel Gemüse, Fisch usw. –, schlafen viel, kein Alkohol.“ 

Rolf bedankte sich, bezahlte die Rechnung, und wir verabschiedeten uns. Zurück in unserem Hotel beim Bahnhof gab es nun eine Lagebesprechung. Zuerst zählten wir das Geld zusammen – jeder seine Finanzen. 

Rolf hatte keine Lust, krank nach Hause zu fliegen. „Oder wenn du lieber nach Hause fliegen willst, begleite ich dich zum Flughafen und bleibe noch einige Tage hier in Rio.“   

Also ging es darum, jetzt den Flugpreis von Rio nach Genf zu finden. Wir riefen bei Swissair an und erhielten die Auskunft in französischer Sprache. Wir buchten und kauften die Tickets für den Rückflug in die Schweiz. 

Unser Geld reichte für vier Wochen Aufenthalt mit Stadtbesichtigungen und guter Verpflegung bis zu unserer Rückkehr. 

Wir ließen es uns in Rio de Janeiro gut gehen: gutes Essen – wir hatten die Churrascaria entdeckt. Auch besuchten wir den Corcovado, den Zuckerhut und den Cristo Redentor. Die spezielle Tram nach Santa Teresa, die damals über eine hohe Brücke fuhr, bestiegen wir ebenfalls. Die Strände von Copacabana und Ipanema zählten zu unseren Besuchen, ebenso einige gute Musik-Klubs, wo Bossa Nova gespielt wurde. Einem Fußballspiel im Maracanã-Stadion wohnten wir auch bei. Es war kein besonderes Spiel, und trotzdem waren ca. 80.000 Zuschauer da. Die Militärpolizei ließ nicht mit sich spaßen – wir sahen einige Einsätze, vor allem am Strand war die Toleranz null. 

Copacabana Beach, Rio de Janeiro, Brazil 1975

Rolf und ich fanden, wir sollten uns für die Ankunft in der Schweiz ein bisschen feiner einkleiden, damit wir nicht wie zwei verstaubte Gestalten dastehen. Also sind wir losgezogen und haben uns je eine neue Hose mit dem passenden Hemd gekauft.

Fast zur gleichen Zeit sagten wir unseren ursprünglichen Plan, über Afrika nach Hause zu kehren, ab. 

My first long-haul flight with what was then Swissair, from Rio de Janeiro via Dakar to Geneva