Laos
Grenzposten zu Laos
Bevor wir den Mekong überquerten, vergaßen wir uns beim thailändischen Zoll abzumelden. Bei unserer Rückkehr nach Thailand mussten wir deshalb eine kleine Busse bezahlen.
Wir bestiegen einen langen Einbaum mit Motor und überquerten den Mekong. An dieser Stelle war der Fluss breit. Am anderen Ufer stiegen wir das steile Ufer hinauf und staunten, als wir das Zollhäuschen sahen – es sah aus wie ein einfaches Gartenhäuschen.
Am Schalter stand ein sehr großer Mann, ich schätze fast zwei Meter, gut gekleidet mit Anzug und Krawatte, helle Haare, rötliches Gesicht – eindeutig ein Europäer.
Ich gab dem Zöllner meinen Pass. Er schaute ihn an und stempelte ihn. In diesem Moment sagte der große Europäer zu mir in fast akzentfreiem Schweizerdeutsch: „Ach, ich sehe, Sie kommen aus der Schweiz.“
Ein Engländer, der Schweizerdeutsch spricht
Ich antwortete überrascht: „Sie auch?“ Er lachte und sagte: „Nein, ich bin Engländer. Mein Name ist Higgins.“ Er zeigte uns seinen englischen Pass. Ich fragte nach: „Aber warum sprechen Sie dann so gut Schweizerdeutsch?“ Er antwortete: „Ich habe viele Jahre in Zürich gearbeitet. Jetzt bin ich Direktor von BP in Laos.“
Er fragte uns, wie wir nach Vientiane kommen wollten. Wir sagten, wir würden es mit Autostopp versuchen. Er meinte nur: „Das ist nicht nötig. Mein Chauffeur wartet unten am Ufer mit dem Auto auf mich. Ihr könnt mitfahren.“
Natürlich sagten wir gerne Ja. Wir stiegen das Ufer wieder hinunter, und da stand ein großer amerikanischer Wagen mit Fahrer. Der Chauffeur öffnete den Kofferraum, damit wir unsere Rucksäcke hineinstellen konnten.
Während der Fahrt gab er uns wertvolle Tipps: wo man zu einem guten Kurs Geld wechseln konnte, wo man gute Steaks mit Pariser Brot essen konnte (im „Le Club des Officiers Français“ – es waren keine Franzosen mehr da, aber der Name war geblieben) und er empfahl uns auch ein gutes, günstiges Hotel aus der Kolonialzeit. Das Gebäude hatte schräge Fensterläden, alles in Weiß – ich kam mir vor wie im Film „Casablanca“. Unser Zimmer hatte sogar einen Vorraum, praktisch eine kleine Suite.
Unweit vom Hotel empfahl er uns eine Eisenwarenhandlung zu den Geldwechseln. Der Kurs war dort viel besser als in der Bank. Man sollte warten, bis keine anderen Kunden im Geschäft waren.
Die Männer, die schweigen Laos, Thailand, Australien, Bolivia 1973–1975
Ich war nie perfekt darin gewesen, aber ich habe mich immer darangehalten: nicht zu viel fragen.
In Vientiane, als draußen die Flugzeuge tief über dem Regierungspalast donnerten und die Schüsse fielen, rannten wir in das erst beste kleine Rest. „Le Bar du Mekong“. Der alte Schweizer aus Genf, der schon vor 1933 nach Laos gekommen war, blieb vollkommen ruhig. Er sagte nur: „Das ist nichts. 1960 war es schlimmer.“ Mehr nicht. Keine Kriegsgeschichten, keine Erklärungen. Und ich habe nicht weiter gebohrt.
Am Grenzposten trafen wir einen Engländer, der plötzlich Schweizerdeutsch sprach und erzählte, er arbeite für British Petroleum. Irgendetwas an ihm war anders. In Australien begegneten wir Bruno Scrobogna, der in der deutschen Wehrmacht und später in der französischen Fremdenlegion gedient hatte – aber über diese Zeit verlor er nie ein einziges Wort. Bruno hat viele Filme und Bücher über die Aborigines gedreht und geschrieben, unter anderen über die «Traumzeit»-
Es gab noch einige andere wie sie während meiner fast drei Jahre unterwegs. Alle hatten eines gemeinsam: Sie hatten eine verdammt große Lebenserfahrung. Man spürte es sofort. Harte Gesichter, ruhige Augen, wenig Worte. Ich habe viel von ihnen gelernt, einfach, indem ich zugehört und den Mund gehalten habe.
Der Mann, den wir in Tea Tree trafen, hatte ein Gesicht, wie gegerbtes Leder, braungebrannt, ich hätte mich nicht getraut, ihn nach seinem Alter zu fragen, im Pub sprach er mit niemand, nur wenn er Bier bestellte, dieser Mann zeigte uns ein fast handgrosses Goldnugget, er lebte mit seiner Aborigines-Frau in einem sehr alten Auto, dass er jeweils hinter dem Pub hinstellte, und erzählte uns viele unschöne Geschichten, wie die Einwanderer mit den Aborigines umgegangen seien. Einmal fragte ich ihn, als er uns sein Goldstück zeigte, ob er nicht angst hätte, dass wir es ihm rauben würden, er schaute mich an und sagte ganz leise, (er sprach immer leise) nein er hätte nicht Angst, ich hätte ehrliche Augen.
Ich wollte die Welt sehen, die Menschen, die Realität – nicht nur die schöne Seite. Was andere machen, ist ihre Sache. Jeder ist für sein eigenes Leben selbst verantwortlich. Das habe ich unterwegs immer wieder gemerkt.
Diese Männer haben mir gezeigt, dass manche Kapitel im Leben besser geschlossen bleiben. Ihr Schweigen war keine Ablehnung. Es war ihr Schutz – und vielleicht auch ein bisschen meiner.
Statt viele Fragen zu stellen, habe ich einfach mit ihnen ein Bier getrunken und zugehört. Manchmal sagt das Schweigen mehr als tausend Worte. Und manchmal lernt man gerade dann am meisten.
Luang Prabang und die Pak Ou Höhlen
Unser großer Wunsch war es, weiter nach Luang Prabang zu fahren, um die berühmten Pak Ou Höhlen zu besuchen. Weil man nicht mit dem Bus dorthin kam, kauften wir ein Flugticket. Die Flüge waren damals sehr günstig, weil sie von der Regierung subventioniert wurden.
Am Flughafen staunten wir nicht schlecht, als wir plötzlich unseren Freund Herrn Higgins wieder sahen. Er flog ebenfalls nach Luang Prabang – mit einer alten DC-6 und ebenso alten Piloten. Kaum saßen wir im Flugzeug, rief uns Herr Higgins zu, wir sollten zu ihm nach hinten kommen. Er saß in der „ersten Klasse“ (die hinten im Flieger war). In der Hand hielt er eine Champagner-Flasche und war nicht allein – er hatte zwei Begleiterinnen dabei.
Wir gingen nach hinten und bekamen je ein Glas Champagner. Er freute sich sichtlich und gab uns einen Tipp: In Luang Prabang gebe es eine „Alliance Française“, die jeden Abend einen Vortrag veranstaltete. Danach gab’s immer Wein und Brötchen als kleinen Imbiss. Das haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Wir saßen brav während des Vortrags dabei und stürzten uns danach auf Wein und Brötchen. Beides war echt gut.
Schweizer Rotkreuz-Mission
Aus gesundheitlichen Gründen besuchten wir die Schweizer Rotkreuz-Mission. Durch Zufall konnten wir miterleben, wie ein Arzt mit zwei Helfern die Pathet-Lao-Armee mit Medikamenten versorgte. Dort trafen wir auch zwei Krankenschwestern, die unsere kleinen „Bobos“ versorgten. Angenehme, etwas ältere Damen als wir.
Auf der Suche nach den Pak Ou Höhlen
An einem anderen Tag machten wir uns auf die Suche nach den Höhlen. Wir liefen eine Weile am Ufer des Mekong entlang und fanden schließlich die Stelle, wo ein Boot die Leute zu den Höhlen brachte. Es war damals noch keine touristische Attraktion – der Bootsführer machte die Fahrt nur ab und zu. Wir entschieden uns, an einem anderen Tag wiederzukommen.
Auf dem Rückweg ins Zentrum hörten wir plötzlich laute Geräusche und Musik.
Hochzeitsfeier in Luang Prabang
Wir gingen näher heran und wurden prompt zu einer Hochzeitsfeier eingeladen. Man bot uns einen einheimischen Schnaps an. Es war laut, es wurde gesungen, und über den Ästen eines Baumes war ein großer Fallschirm als Sonnenschutz gespannt. Wir wurden gleich zum Mitmachen aufgefordert.
Der Wettbewerb war einfach: Wer die meisten kleinen roten Pfefferschoten in den Mund stecken und kauen konnte, gewann. Rolf machte mit. Alle Teilnehmer bekamen danach einen knallroten Kopf – und der Gewinner war ausgerechnet der Bräutigam. Wie viel Wasser danach getrunken wurde, kann ich nicht mehr beurteilen.
Wir versuchten später noch einmal, zu den Pak Ou Höhlen zu kommen – leider wieder Pech. Der Bootsbesitzer war erneut nicht da. So beendeten wir unseren Aufenthalt in Laos. Wir flogen zurück nach Vientiane und setzten mit dem Einbaum wieder über den Mekong.
Abend im „Club des Officiers Français
An einem Abend gingen wir in den Club. Nach wochenlang asiatischem Essen (das wir nie verachtet haben) genossen wir zu sehr günstigen Preisen eine „Entrecôte Parisienne“ mit Fritten, grünen Bohnen und richtigem Pariser Brot. Ein Genuss sondergleichen!
Wir besuchten auch den Buddha-Park (Phra That Luang? – du meintest wahrscheinlich „Bude Park“ = Buddha Park) und den Patuxai.
Beim Stadtwandern kamen wir plötzlich auf einen runden Platz mit einem großen Brunnen in der Mitte, umgeben von Häusern im französischen Kolonialstil mit Rundbögen. Wir dachten zuerst: „Das kann doch nicht sein – wir sind doch nicht in Südfrankreich!“ Aber nein, wir waren wirklich in Laos. Das Land war damals geteilt: Der Pathet Lao beherrschte große Teile des Landes, während die Städte noch von der offiziellen Regierung kontrolliert wurden.
Militärputsch in Vientiane
Beim Spazieren fiel uns auf, dass viele kleine Militärflugzeuge sehr tief über die Stadt flogen und den Regierungspalast angriffen. Auch waren viele Militärfahrzeuge mit Soldaten unterwegs. Wir sahen außerdem viele groß gewachsene Männer mit Funkgeräten herumlaufen – ich nehme an, das waren amerikanische «Berater.»
Die Geschäftsinhaber begannen in aller Eile die Rollläden herunterzukurbeln. Es wurde geschossen. Wir rannten in eine Nebenstraße und sahen ein Schild „Le Bar du Mekong“. Nichts wie hinein! Der alte Europäer schloss sofort seinen Rollladen.
Als wir uns vom ersten Schreck erholt hatten, sah ich an der Wand ein riesiges Poster vom Matterhorn und daneben Autoschilder mit „GE“ – also Genf. An der Bar saßen fünf europäische Senioren. Der Besitzer, ein sehr alter Mann, der sich wie ein Laote kleidete, fragte uns, was wir trinken möchten. Heute sei alles offeriert.
Wir kamen ins Gespräch – mit ihm und den anderen Herren, Schweizern und Franzosen, die alle seit 50 Jahren in diesem Land lebten. Keiner von ihnen dachte ans Zurückkehren nach Europa.
Der Besitzer rief in der Landessprache einer Frau etwas zu. Wenig später kamen frische Brötchen. Zuerst hatten wir ein Bier getrunken, dann wurde uns ein richtig kräftiges Getränk offeriert. Es war ziemlich irreal – draußen wurde geschossen und es gab Explosionen, und wir saßen gemütlich an der Bar.
Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, gingen wir mit schnellem Schritt zurück ins Hotel. Nicht aus Angst, sondern einfach aus Vorsicht.
Gerne wären wir zur „Plaine des Jarres“ (Ebene der Steinkrüge) gereist. Dort gibt es über 2000 riesige Megalith-Krüge, die vermutlich zwischen 500 v. Chr. und 500 n. Chr. geschaffen wurden. Leider war das Gebiet damals vom Pathet Lao besetzt und für uns unmöglich zu erreichen.