Osteuropa
Erster Eindruck
Der erste Eindruck von Osteuropa war ziemlich verrückt. Mitten in der Nacht wurde plötzlich die Abteiltür im Zug durch Ungarn aufgerissen. Zwei Zöllner wollten unsere Pässe sehen und gaben sie uns zurück. Kurze Zeit später flog die Tür schon wieder auf – es war ca. 2 Uhr nachts. Eine Frau kam mit dem Staubsauger rein und saugte unser Abteil. Wieder ein paar Minuten später ging die Tür auf, und ein Mann mit einem Spritzgerät auf dem Rücken „desinfizierte“ alles. Ich wollte das Fenster aufmachen, aber es war verriegelt. Der ganze Wagen stank danach richtig übel. Das passierte alles, während der Zug Ungarn durchquerte. Der Eiserne Vorhang war damals noch sehr deutlich zu spüren.
Sowjetunion – Transsibirische Eisenbahn (ca. 8.220 Kilometer von Moskau nach Nachodka bei Wladiwostok)
Der Zug fuhr weiter über die Grenze nach Polen. Am Morgen gab’s Kaffee oder Tee, und wieder wurden unsere Pässe kontrolliert. In Warschau durften wir den Zug nicht verlassen, weil wir nur im Transit waren. Der Zug stand fünf Stunden dort. Plötzlich kam eine Beamtin mit einem Koffer in unser Abteil und erklärte, dass wir mehr als vier Stunden in Polen seien und das Gesetz verlange, dass jeder von uns 10 US-Dollar wechseln müsse. Wir fragten: „Was sollen wir denn mit den Zlotys machen? Es gibt ja keine Möglichkeit, das Geld auszugeben.“ Wir konnten sie nicht umstimmen – dazu hatte sich auch noch ein Polizist dazugesellt. Wir bekamen also eine Menge polnischer Zlotys. Nach einer Weile gingen wir in den Restaurantwagen und fragten nach etwas Essbarem. Ein alter Mann, der ein bisschen Deutsch konnte, sagte: „Ich kann euch ein schönes Sandwich machen.“ Er hatte frisches Brot, schnitt zwei dicke Scheiben ab, öffnete eine große Büchse Schinken „Made in USA“, strich Butter unten und Senf oben drauf und legte in jedes Sandwich zwei dicke Tranchen Schinken. Wir bestellten noch je ein Bier dazu und gaben dem Mann neben dem Preis noch ein paar extra Zlotys – die Sandwiches waren wirklich eine Klasse für sich. Auf der ganzen Reise habe ich diese Zlotys immer dabeigehabt. Nirgends konnte man sie umtauschen.
Erlebnisse unterwegs
Echt einmalig, diese Fahrt. Wir wurden vom Hotel abgeholt und zum Bahnhof in Moskau zum Transsibirien-Express gebracht. Wir stiegen ein und hatten für uns ein 2.-Klasse-Abteil mit vier gepolsterten Liegepritschen. Im Wagen gab es ein WC und ein kleines Abteil mit fließendem Wasser zum Waschen. Außerdem stand ein Samowar für Warmwasser da, der mit Holz befeuert wurde. Und zwei Schaffnerinnen kümmerten sich um den Wagen – sie brachten uns morgens und einmal am Nachmittag jeweils ein großes Glas Tee.
Die Schaffnerinnen hatten auch ein Auge auf die Fahrgäste
Sie brachten uns jeden Morgen Knäckebrot. Während wir im Speisewagen frühstückten, machten sie Ordnung in unserem Abteil. In Moskau hatten wir von der Intourist-Agentur eine Menge Mahlzeiten-Gutscheine bekommen – täglich einen fürs Frühstück, einen fürs Mittagessen und einen fürs Nachtessen. Ich konnte nie die ganze Menge essen, die mir zustand. Deshalb wurde bei jeder Mahlzeit eine Rechnung geschrieben, und ich bekam immer wieder einen Betrag in Kopeken zurück, weil ich nicht alles aufgebraucht hatte.
Das normale Volk benutzte den Zug
Schon als der Zug in Moskau losfuhr, war der Speisewagen überfüllt mit Essen und Getränken – sogar unter den Tischen und Bänken lag Zeug. Es war kein Touristenzug, sondern ein ganz normaler Zug für Einheimische. Es gab 1. Klasse, 2. Klasse und einen Restaurantwagen. Uns servierte man die Mahlzeiten in Blechgeschirr. Mich hat das nicht gestört – wer einmal aus dem Blechnapf isst… Ganz hinten im Zug war die 3. Klasse. Dort saßen einfache Leute, die man nie im Restaurantwagen sah. Die meisten hatten ihr Essen selbst dabei: Speck, Käse und oft auch transparente Flaschen mit irgendwas zu trinken. Haha. Der Zug hatte sogar eine eigene Radiostation, über die Meldungen durchgegeben wurden. Ab und zu kam ein Mann durch den Wagen, der für Ordnung sorgte, besonders wenn jemand einen über den Durst getrunken hatte. Die Fenster konnte man nur einen kleinen Spalt öffnen. Später erzähle ich noch, was ich mit den gesammelten Kopeken in einem Plastiksack am Ende der Fahrt gemacht habe!
Begegnungen und Landschaften im Transsibirien-Express
Die Landschaften waren sehr abwechslungsreich: riesige Birkenwälder, dann wieder dichte Pinienwälder. An den kleinen Bahnhöfen, wenn der Zug hielt, konnte man bei älteren Frauen Radieschen, gebratene Kartoffeln und anderes kaufen. Die Frauen hatten ihre Waren oft in umgebauten Kinderwagen dabei. Die Strecke fuhr meist elektrisch, ein kleines Teilstück auch mit Dampflokomotive und manchmal mit Diesel-Lok.
Militär stieg in unseren Wagen
An einem Bahnhof stiegen etwa 10 junge Soldaten in unseren Wagen. Die hatten alles dabei: Kalaschnikows, komplette Fallschirme und die ganze sonstige Ausrüstung. Die Schaffnerinnen wiesen sie an, sich im Gang auf den Boden zu setzen und nicht in die Abteile zu gehen. Das konnte ich nicht akzeptieren. In unserem Abteil waren noch zwei Pritschen frei, und weil wir in der Schweiz auch Militärdienst geleistet hatten, sagten wir den Schaffnerinnen, dass zwei Soldaten bei uns im Abteil schlafen könnten.
Sie suchten zwei aus und erklärten ihnen eindringlich, sie müssten sich gut benehmen. (Ich verstand kein Russisch, aber der Tonfall sagte alles.)
So gut es ging, haben wir uns mit den zwei Soldaten verständigt. Drei Nächte lang schliefen sie bei uns im Abteil und boten uns auch Wurst, Brot und etwas zu trinken an.
Als sie den Zug verließen, riefen sie mehrmals „Do svidaniya!“ und „Sasebo!“ (oder so ähnlich).
Überhaupt haben wir im Zug immer versucht, uns mit möglichst vielen Leuten zu unterhalten. Es war sehr interessant, wie die meisten damals über ihr Land und die Politik sprachen. Oft beendeten sie das Gespräch mit den Worten „Sowjetski Sojus“.
Der Zug fuhr Tag und Nacht durch, bis wir in Chabarowsk ankamen. Diese Stadt liegt an der Krümmung des Flusses Amur und ist nicht weit von der chinesischen Grenze entfernt. Nach dem Zimmerbezug sind wir auf eigene Faust losgezogen und haben einige interessante Orte besucht: den Stadtpark von Chabarowsk, die Chabarowsker Klippe und einen schönen Spaziergang entlang dem Amur-Fluss.
Von Chabarowsk nach Nachodka
Am Abend darauf wurden wir vom Intourist-Vertreter zum Zug gebracht. Beim Einsteigen war ich echt erstaunt – kein Vergleich mit dem Zug von Moskau nach Chabarowsk. Hübsche Schaffnerinnen, 2. Klasse mit vier Liegeplätzen, die mit Leintüchern und Kissen richtig schön hergerichtet waren. Alles sehr gepflegt.
Dieses letzte Teilstück war schon fast Luxus.
Es waren damals viele Touristen im Zug, die mit dem Flugzeug von Moskau zum Baikalsee und weiter nach Chabarowsk geflogen waren und die letzte Nacht in der Sowjetunion im Transsibirien-Express verbrachten. Einfache Leute habe ich kaum gesehen. Wir gingen in den Speisewagen – alle Tische waren mit weißen Tischtüchern gedeckt, vergoldetes Besteck und schönes Porzellan. Ich glaube, wir waren die zwei Jüngsten im ganzen Wagen. Alle anderen waren deutlich älter. Das Servierpersonal bestand aus lauter hübschen, top-gekleideten Frauen mit einem großen Lächeln. Das Essen war vergleichbar mit einem guten westeuropäischen Restaurant: Vorspeise, Hauptspeise, Dessert, guter Wein oder deutsches Bier.
Nebenbei: Auch im Speisewagen von Moskau nach Chabarowsk hatten wir gut gegessen, aber deutlich einfacher.
Im Hafen von Nachodka wartet unser Schiff für die Überfahrt nach Japan (Yokohama)
Am Morgen kamen wir in Nachodka an und fuhren direkt zum Hafen. Wir stiegen auf das Schiff – ein russisches Schiff. Wir verbrachten zwei Nächte und drei Tage an Bord. Die Crew war einwandfrei gekleidet, einige sprachen sogar ein bisschen Englisch. Beim Verlassen des Zuges und Einsteigen aufs Schiff nahmen sie uns das letzte Stück unseres Sowjet-Visums ab.
Wir bekamen eine gute Kabine, das Essen war okay, und abends gab es Unterhaltung (es war ja kein Ozeandampfer). Und siehe da – die meist weibliche Mannschaft ließ sich gerne zum Tanzen einladen. Viele männliche Passagiere versuchten natürlich, mit den Tanzdamen näher zu kommen. Punkt Mitternacht kam jedes Mal ein männlicher Schiffsoffizier, pfiff dreimal schrill mit seiner Pfeife – und weg waren alle Damen. Am zweiten Abend dasselbe Programm. Wir waren nicht mehr überrascht, wir wussten jetzt, dass man von den Damen nichts anderes als Tanzen erwarten konnte. Wir fanden es einfach nur lustig.
Grosser Unterschied im letzten Abschnitt des Transsibirien-Express
Nach dem Essen fiel mir mein Plastiksack voller Kopeken ein. Was nun damit machen? Einfach warten, bis ich auf dem Schiff nach Japan bin und alles über Bord werfen? Aus Spass sagte ich zu Rolf: „Ich frage mal, ob wir für die Kopeken Wodka bekommen.“
Die Servierdame lachte, ging ins Office, und plötzlich lachten alle Angestellten laut los. Und tatsächlich – es kamen vier Flaschen Wodka (je ½ Liter) auf den Tisch. Ja was nun? Das konnten wir unmöglich alleine trinken. Ich sagte zur Kellnerin, sie solle die anderen Gäste fragen, ob sie mit uns trinken würden. Praktisch alle sagten zu. So wurde es ein richtig schöner, lustiger Abend.
Im Hafen von Nachodka wartet unser Schiff für die Überfahrt nach Japan (Yokohama)
Am Morgen kamen wir in Nachodka an und fuhren direkt zum Hafen. Wir stiegen auf das Schiff – ein russisches Schiff. Wir verbrachten zwei Nächte und drei Tage an Bord. Die Crew war einwandfrei gekleidet, einige sprachen sogar ein bisschen Englisch. Beim Verlassen des Zuges und Einsteigen aufs Schiff nahmen sie uns das letzte Stück unseres Sowjet-Visums ab.
Wir bekamen eine gute Kabine, das Essen war okay, und abends gab es Unterhaltung (es war ja kein Ozeandampfer). Und siehe da – die meist weibliche Mannschaft ließ sich gerne zum Tanzen einladen. Viele männliche Passagiere versuchten natürlich, mit den Tanzdamen näher zu kommen. Punkt Mitternacht kam jedes Mal ein männlicher Schiffsoffizier, pfiff dreimal schrill mit seiner Pfeife – und weg waren alle Damen. Am zweiten Abend dasselbe Programm. Wir waren nicht mehr überrascht, wir wussten jetzt, dass man von den Damen nichts anderes als Tanzen erwarten konnte. Wir fanden es einfach nur lustig.