Kolumbien

Ankunft in Barranquilla

Zollkontrolle – ohne Probleme. (Ich komme später noch auf einen Vorfall zurück.) Der Zollbeamte schrieb uns ein Visum für 10 Tage ein, worauf wir damals nicht weiter achteten. 

In der Ankunftshalle sahen wir das Schild „Oficina de Turismo“. Wir wurden freundlich empfangen, mit vielen Tipps und kleinen Karten ausgerüstet. Man riet uns auch dringend, am Flughafen kein Geld zu wechseln – die Banken im Zentrum hätten deutlich bessere Kurse. Außerdem empfahl man uns ein Hotel, das wir per Taxi kurz darauf erreichten. Es war ein kleines, einfaches, aber sauberes Hotel ziemlich im Zentrum. 

Menschen, die mich beeindruckt haben

Wir waren erst einen Tag in Kolumbien, in Barranquilla angekommen. Abends saßen wir in einem Terrassencafé in einem angenehmen Quartier, viele Leute um uns herum. Plötzlich sahen wir einen Mann, etwa 35 Jahre alt und schwer körperlich behindert, der zwischen den Tischen herumtorkelte. Die Gäste an den anderen Tischen wollten ihn weghaben und sagten ihm grob, er solle verschwinden. 

Und siehe da – plötzlich saß er an unserem Tisch, mit einem Stück Papier und einem Kugelschreiber in der zitternden Hand. Wir dachten noch: „Der arme Mann hat es wirklich schwer.“ Er reichte mir das Papier, und darauf stand geschrieben: „Sprechen Sie Deutsch?“ 

Independence Day celebration of Cartagena de Indias, Colombia, 1974
Bocachica fortress wall, Cartagena de Indias, Colombia, 1974

Ich fiel aus allen Wolken. Wir bejahten, und er begann uns seine Leidensgeschichte zu erzählen – schriftlich, in perfektem Deutsch. Er hatte in den USA Ingenieur studiert und dort gearbeitet, bis er auf einem Fußgängerstreifen von einem Auto erfasst wurde. Der Fahrer war geflüchtet und wurde nie gefunden. Er war monatelang im Spital gewesen und hätte noch eine weitere Operation gebraucht, doch weil der Schuldige nicht haftbar gemacht werden konnte, wurde diese nicht durchgeführt. Schließlich wurde er zurück nach Kolumbien abgeschoben. 

Wir verständigten uns mit Papier und Stift auf Deutsch, und er schrieb uns auch in perfektem Französisch. Sprechen konnte er fast nicht, nur undeutliche Laute kamen heraus. Diese Begegnung habe ich nie vergessen. Ab und zu frage ich mich heute noch, was wohl aus ihm geworden ist. Wir haben ihn nie mehr gesehen, denn schon am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus weiter nach Cartagena de Indias. 

Von Barranquilla nach Cartagena

Barranquilla gefiel uns nicht besonders. Immer wieder merkten wir, dass die Preise für uns extra angehoben wurden – alle hielten uns für „Gringos“ mit viel Kleingeld. 

In Panama City hatten wir uns den berühmten **South American Handbook** gekauft – damals wahrscheinlich einer der besten Reiseführer überhaupt. Er wurde laufend von Reisenden aktualisiert, die ihre Erfahrungen an den Verlag schickten. Es gab gute Beschreibungen, Skizzen und Tipps zu wichtigen Orten, darunter auch zu Cartagena de Indias. 

Weil uns Barranquilla nicht zusagte, entschieden wir uns schnell, weiterzureisen. Mit dem Bus brauchten wir etwa zwei Stunden nach Cartagena de Indias. 

Am Busbahnhof in Cartagena wurden wir von unzähligen Taxifahrern bestürmt, jeder wollte uns zu einem Hotel bringen. Wir entschieden uns für den Fahrer mit den zwei ungleichen Schuhen – der rechte Fuß trug einen schwarzen Schuh, der linke einen hellbraunen. Er fuhr los (wir hatten den Preis vorher ausgehandelt), vorbei an der alten Stadtmauer in Richtung Flughafen und hielt beim Hotel Calamari. Das Hotel wurde von zwei alten Exil-Kubanern geführt. 

Wir bezahlten den Taxifahrer (sicher bekam er eine Kommission vom Hotelier) und schauten uns ein Zimmer an. WC und Dusche waren im Zimmer, ein sehr großer Deckenventilator drehte sich an der Decke. Seitlich vom Fenster sah man das Meer – nur die Straße überqueren, und man war schon am Strand. Dieser Strand wurde kaum besucht. Die umliegenden Viertel waren teilweise von armen Leuten bewohnt. 

Wir handelten einen Preis aus, der Frühstück, Mittagessen und Nachtessen einschloss. Das Zimmer wurde täglich gereinigt, und abends gegen 20 Uhr kam ein Zimmermädchen mit Fly-Tox vorbei, um Fliegen und Mücken den Garaus zu machen. Am Fenster war ein Fliegengitter. 

Ich schlug Rolf vor, dass wir irgendwo Spanisch-Unterricht nehmen sollten, damit wir in den nächsten Ländern besser zurechtkämen – wenigstens ein Basis-Spanisch. Wir machten uns auf den Weg in die Altstadt. 

Für mich war es Liebe auf den ersten Blick: eine alte, gut erhaltene Kolonialstadt, von den Konquistadoren erbaut. Enge Gassen, wunderschöne Innenhöfe. 

Wir fanden die Alliance Française, gingen hinein und fragten, ob sie uns Spanisch-Unterricht geben könnten. Die Antwort war nein – sie hatten von den Franzosen die Bewilligung und Subventionen nur für Französisch-Stunden. Wir gingen weiter und entdeckten an einer Hauswand ein Schild: „Instituto de Idiomas Internacionales“. Okay, gehen wir rein. Wir fanden den Direktor dieser kleinen Schule und besprachen unser Anliegen. 

Spanisch-Unterricht in Cartagena

Normalerweise wurden im „Instituto de Idiomas Internacionales“ nur Englisch-Stunden erteilt. Der Direktor meinte, falls wir wollten, hätte er noch einen alten ungarischen Herrn, der uns Deutsch geben könnte.   

„Nein, wir wollen Spanisch lernen.“   

„Okay, wie viele Stunden möchtet ihr?“   

Wir fragten nach dem Preis – es war halb geschenkt. Für zehn Wochen bekamen wir täglich von Montag bis Freitag je zwei Stunden am Morgen und zwei Stunden am Nachmittag, immer mit einem Privatlehrer. Er gab uns je ein Buch, das eigentlich für Einheimische gedacht war, die Englisch lernen wollten. Für uns war es genau richtig. Wir besorgten uns noch je ein Heft dazu, um Hausaufgaben zu erledigen, wir waren fleissige Schüler.  

Auf dem Nachhauseweg kam uns plötzlich der Gedanke: Wir sollten besser einmal nachschauen, wie lange unser Visum eigentlich gültig ist. 

Independence Day celebration of Cartagena de Indias, Colombia, 1974
Spanisch diploma

Visa-Problem

Große Überraschung: Es war nur für 10 Tage gültig! Wir hatten es nicht beachtet – wahrscheinlich waren wir zu abgelenkt von den vielen hübschen Frauen am Flughafen. 

Mit unserem Reisebuch „The South American Handbook“ stellten wir fest, dass es in Barranquilla ein Schweizer Konsulat gab. Wir riefen an und vereinbarten einen schnellen Termin. 

Der Konsul empfing uns freundlich und sagte: „Ich schreibe euch einen Brief, den ihr bei der DAS (der Einwanderungspolizei) vorweisen könnt. Das sollte reichen, um einen längeren Aufenthalt zu bekommen.“ Er fügte hinzu: „Geht jetzt direkt zur DAS, und sobald ihr im Gebäude seid, ruft ihr mich an.“ 

Wir hatten Pech. Im Gebäude gab es kein Telefon. An diesem Tag war dort außerdem eine Spezialeinheit der Polizei mit einer großen Schmuggelware-Aktion beschäftigt. Überall standen Kisten im Gang, bewacht von Polizisten mit Maschinengewehren und Handgranaten. Der Brief des Konsuls war nicht gratis. 

Endlich wurden wir empfangen. Wir gaben den Brief ab, und ein hoher Beamter stempelte uns ein neues Visum mit fast doppelter Länge des normalen Touristenvisums (damals 90 Tage gültig). 

Okay, alles erledigt. Wir fuhren zurück ins Konsulat, um Bescheid zu geben. Dort wurden wir erst einmal kräftig angeschnauzt: „Warum habt ihr mich nicht angerufen?!“ Der Mann war so wütend, dass wir gar keine Erklärung abgaben, uns nur höflich verabschiedeten. Ich denke, er hat noch lange geschnaubt. 

Palace of the Inquisition Museum, Cartagena de Indias, Colombia, 1974

Erleichtert fuhren wir zurück nach Cartagena. Das Visa-Problem war gelöst. 

Einige Tage später starteten wir den Spanisch-Kurs. Morgens um 10 Uhr trafen wir unseren Lehrer – er hieß Víctor Cabrera. Wir fuhren mit dem Ortsbus vom Hotel ins Zentrum. Die Haltestelle war bei der „Torre del Reloj“. Die Busse waren uralt und verrostet. Zum Aussteigen rief man einfach laut „¡Parada!“. 

Die erste Spanisch-Stunde verlief ganz gut – eine einfache Anfänger-Lektion. Gegen Mittag war die Zeit um, und wir bestiegen den Bus zurück zum Hotel. Die meisten Passagiere schauten uns neugierig an, besonders wie wir „¡Parada!“ aussprachen. 

Kommt zum Essen!

Kaum waren wir im Hotel angekommen, rief uns die Kellnerin schon zu: „Kommt zum Essen, sonst wird die Suppe kalt!“   

Mittags gab es immer eine Suppe, dazu Fisch oder Fleisch mit einigen Scheiben vollreifer, saftiger Tomaten. Nach dem Essen machten wir Siesta – begleitet vom Rauschen des Meeres und dem leisen Brummen des großen Deckenventilators. Um 15 Uhr zogen wir die Badehose an und gingen direkt ins Meer baden. 

Bald gehörten wir im Hotel schon fast zur Familie. Die Zimmermädchen waren alles ältere Damen, die uns wahrscheinlich als ihre Söhne betrachteten und uns entsprechend verwöhnten. Sie wuschen auch unsere schmutzige Wäsche zu einem Preis, der heute kaum noch glaubwürdig wäre – unglaublich günstig. 

So vergingen die Tage. Durch die Abendkurse in der Sprachschule lernten wir ziemlich viele Leute kennen – meist junge Männer und Frauen, die dort Englisch-Kurse besuchten. Einige sprachen schon gut Englisch, andere weniger. Wir wurden mehrmals zu ihnen nach Hause eingeladen – zum Kaffee, zum Reden und oft auch zum Essen. Die ganze Familie wurde uns dann vorgestellt. „Los Suizos“ (die Schweizer) war für einige schon ein Begriff. 

Eines Tages erschienen Besucher aus Florida, USA, in der Schule. Der Gruppenleiter hatte vor Jahren in Cartagena studiert und kannte den Besitzer der Schule persönlich – Manuel Encinales de la Vega. Der Direktor stellte uns vor und sagte zu den Amerikanern, wir seien „Austausch-Studenten aus der Schweiz“. Wahrscheinlich stieg unser Ansehen bei den Amerikanern dadurch deutlich. Rolf und ich mussten uns das Lachen verkneifen – wir wollten die schöne Geschichte nicht kaputtmachen. 

Street in the old town, Cartagena de Indias, Colombia, 1974
Beauty Queen, Cartagena de Indias, Colombia, 1974
Beauty pageant, Cartagena de Indias, Colombia, 1974

Bocagrande

An einem Abend beschlossen wir, nach Bocagrande zu gehen und uns dort umzuschauen. Es war ein schönes Viertel mit vielen Villen und Häusern, meist nicht höher als zwei Stockwerke. 

Als wir die Avenida San Martin entlangliefen, hielt plötzlich ein Renault 4 neben uns. Zwei Frauen stiegen aus und kamen auf uns zu. Die eine, Rosario, fragte uns in sehr gutem Englisch: „Seid ihr die zwei vom Film?“   

Rosario und Elisabeth waren Schwestern. Wir fragten verdutzt: „Von welchem Film denn?“ 

Die Ältere erklärte, dass vor Kurzem zwei Typen in der Stadt und Umgebung zwei oder drei Filme gedreht hätten. Nach längerem Nachfragen und Überlegen wurde uns plötzlich klar: Es ging um **Bud Spencer und Terence Hill**!   

„Nein, wir sind nicht diese zwei“, sagten wir lachend.   

Später erzählten uns noch andere Leute, dass tatsächlich Filme mit den beiden in der Gegend gedreht worden waren.   

Rosario meinte: „Okay, ich bringe den Wagen schnell nach Hause, und wir treffen uns weiter oben auf der Avenida San Martin.“ 

Maracuyá, Bocagrande und Rosario

Rolf und ich liefen weiter die Avenida San Martin entlang. Bald kamen die beiden Schwestern wieder angefahren. Wir entschieden uns, in einem Café etwas zu trinken, und wurden von ihnen mit Fragen überschüttet: Woher wir kämen, warum wir in Kolumbien seien und was wir alles schon erlebt hätten. 

Spätabends verabschiedeten wir uns und spazierten auf der Promenade am Meer zurück zu unserem Hotel. Wir hatten erfahren, dass die Schwestern bei ihren Eltern in Bocagrande wohnten und die Jüngere noch keine 16 Jahre alt war. 

Die nächste Woche begann wie gewohnt mit dem täglichen Schulbesuch. An einem Morgen machten wir vor der Schule Halt in einer kleinen Cafetería. Ich wollte unbedingt einen der berühmten Fruchtsäfte probieren. Wir setzten uns an die Theke, und an der Wand hing eine Tafel mit unzähligen Saftsorten: Melone, Zitrone, Ananas und viele mehr. Lust auf die üblichen hatte ich keine, deshalb fragte ich die Kellnerin: „Welcher ist der beste?“   

Ohne Zögern, antwortete sie:

„¡Maracuyá!“

„Was ist das?“

„Das ist die Passionsfrucht.“   

Old town, Cartagena de Indias, Colombia, 1974
Government building, Old Town, Cartagena de Indias, Colombia, 1974

Ich kannte sie nicht, bestellte aber trotzdem. Mit dem ersten Schluck war es bei mir **Liebe auf den ersten Blick**. Als ich bezahlte, schenkte sie mir noch einen kleinen „Tinto“ (schwarzen Kaffee) und sagte lächelnd: „Que vuelvas“ – Komm wieder vorbei. 

Dieser Halt wurde für uns fast zur Tradition. Jeden Morgen vor der Schule genoss ich diesen herrlichen Maracuyá-Saft. Einmal pro Woche gönnten wir uns dort auch ein „Steak a Caballo“ mit hausgemachten Pommes und vollreifen Tomaten – umgerechnet etwa 4 Franken. Das Fleisch war zart wie ein Schweizer Hohrückensteak. Im Preis inbegriffen war ein kaltes Aguila-Bier (2 dl Flasche). Einzeln kostete das Bier damals nur etwa 20 Rappen.  

Ab und zu aßen wir dort, einfach um etwas Abwechslung in das Hotel-Menü zu bringen. 

Rückblick – Die Realität der Preise

Erst viele Jahre später begann ich, diese Zeit in Kolumbien nüchtern zu betrachten. Nicht aus Nostalgie, sondern um mir selbst zu beweisen, dass meine Erinnerung mich nicht täuscht. 

In Cartagena de Indias lebte ich mehrere Monate in einem einfachen, sauberen Hotel direkt gegenüber einem damals fast menschenleeren Strand. Drei Mahlzeiten am Tag waren inklusive, das Zimmer hatte Dusche und WC, und ein großer Deckenventilator ersetzte jede Klimaanlage.   

Wenn ich die Kosten heute umrechne, komme ich auf etwa **fünf Schweizer Franken pro Tag**. Dazu nahm ich täglich mehrere Stunden privaten Spanischunterricht. Auch das war möglich, ohne rechnen zu müssen. 

Ich schreibe das nicht, um Preise festzuhalten, sondern um mir selbst zu bestätigen: Es war real. Ich lebte einfach, lernte Spanisch und war umgeben von freundlichen, herzlichen Menschen. 

Entrance of Bocachica Fortress, Cartagena de Indias, Colombia 1974Bild_046

Rosario

An einem Abend kam Rosario mit zwei anderen jungen Frauen bei uns im Hotel vorbei. Wir unterhielten uns über alles Mögliche. Am Schluss lud sie uns für den nächsten Abend zu sich nach Hause auf einen Drink ein. 

Wir fuhren mit dem Bus nach Bocagrande und gingen zur angegebenen Adresse. Sie stellte uns ihren Eltern vor und sagte mir, es sei schade, aber sie hätte mich gerne einer ihrer Freundinnen vorgestellt – leider sei diese gerade unabkömmlich. „Kein Problem“, antwortete ich. 

Wir führten angenehme Gespräche mit den Eltern. Der Vater arbeitete in einer amerikanischen Firma und sprach perfekt Amerikanisch. Im Laufe des Abends verabschiedete ich mich, Rolf blieb noch etwas länger. 

Salsa nur für mich

Ich lief die Avenida San Martin hinunter und kam zu einem Lokal mit großer Terrasse und Tanzfläche. Es hieß „La Piragua“. Eine Live-Band spielte für meine Ohren ganz großartige Musik – richtige, rassige Salsa. Ich setzte mich an einen kleinen Tisch. Es waren noch nicht viele Leute da. 

Die Terrasse füllte sich langsam. Ich forderte eine junge Dame zum Tanzen auf, und zu meiner Freude wurde jede Einladung angenommen. Es wurde langsam Zeit – gegen 2 Uhr morgens lief ich die Promenade am Meer entlang zurück zu unserem Hotel. Ich hatte einen großartigen Abend: großartige Musik gehört, viel getanzt und freundliche Menschen kennengelernt. 

Rolf und ich führten ein glückliches und einfaches Leben in Cartagena, und es genügte uns vollkommen. Spanisch-Unterricht am Vormittag und Nachmittag, dazwischen Gespräche mit Leuten auf dem Schulweg. Wir kamen regelmäßig am Barbour-Kleidergeschäft vorbei, wo manchmal Rosy arbeitete. Sie war eine großgewachsene, athletische Frau und machte dort ab und zu Näharbeiten. Wir schäkerten immer ein bisschen miteinander. Sie erzählte uns, dass sie gerne ihre Leichtathletik-Karriere weiterverfolgen würde, ihr aber die richtige Ausrüstung fehle. Wir konnten ihr nicht helfen, nur mit Aufmunterung: „Gib nicht auf!“   

Ich kannte sie, weil ich einmal dort Hosen angeschaut hatte – daher ihre lustigen Sprüche, die ich, soweit ich konnte, ebenfalls wiederholte. 

Anlässlich eines abendlichen Schulbesuchs wurde mir eine attraktive und sehr freundliche junge Frau vorgestellt. Sie hieß Ilse und wohnte, wie ich erfuhr, in Castillogrande – laut den anderen ein noch schöneres Viertel. Sie fragte mich, ob ich an einem Samstagmorgen mit ihr im Laguito (einem kleinen See mit Meerwasser) neben ihrem Haus schwimmen würde. 

So ging ich an einem Samstagmorgen zu der angegebenen Adresse. Dort wohnte ihr älterer Bruder, der uns beim Schwimmen auch beobachtete. Nach dem Bad lud er mich ein, noch einen Drink zu nehmen. Wir unterhielten uns über das Übliche: Woher ich komme, was ich beruflich mache und wie ich meine Reise finanziere. Ich erzählte von der harten und entbehrungsreichen Arbeit im Outback von Australien. Es gab einen kleinen Snack, danach verabschiedete ich mich. 

Ihr Bruder mit Frau und Ilse kamen mehrmals am Sonntag vorbei, um mich zum Baden einzuladen, ausserhalb der Stadt. Oft war ich sehr müde vom Ausgang Samstag-Abend, trotzdem ging ich mit. Und auch wieder zum Schwimmen im Laguito, mit Drink, und anlässlich eines schwimmen in Laguito bekam ich einen Drink beim Bruder zuhause, und da passierte mir ein Missgeschick, als ich mit dem Drink in der Hand in das Zimmer trat, berührte ich kaum eine Bücherwand, die weder an der wand geschraubt noch geleimt war, und alles fiel zu Boden. Ich wurde dann nicht mehr eingeladen.  

Fiesta de noviembre  

In der Zwischenzeit erfuhren wir, dass in Cartagena de Indias ein sehr grosses Fest stattfinden würde. Am 18.11.1811 eigentlich der Start der Befreiung der schwarzen Sklaven. Einige nennen es «la fiesta de noviembre» andere «el dia de los negros» .  

In unserer Anwesenheit fand am Nachmittag ein grosser Umzug statt, wo die schönste Frau von Kolumbien ausgewählt wird. Als Erinnerung an diese 18.11.1811 schmeissen die Leute dich mit Wasser an und nachher mit Maizena.  

Spezialfahrzeugen und geschmückten Wagen, wo dann aus allen Departementen von Kolumbien, eine junge Frau dort steht. Und abends hatten wir auch erfahren, dass es bei den «Zapatos» ein paar übergrosse Schuhe, als Monument hinter dem Schloss hinter dem Castillo San Felipe.  

Grosse Festzelte mit Livemusik aufspielen würden. Ende Nachmittag war der Umzug vorbei, so gingen wir zurück zu unserem Hotel, zum Nachtessen, frisch machen und dann auf zu diesen Zelten. Angekommen standen 3 grosse Festzelte beieinander, und die Musik spielte sehr laut. Wir gingen an die Kasse, um unseren Eintritt zu besorgen, der Kassier sagte es ist so selten, dass Ausländer zu uns kommen, und stempelt, beiden auf dem Handrücken einen Stempel für einen Gratiseintritt.  

Willkommen im Festzelt 

Als wir das erste Mal das Zelt betraten, haben uns viele bekannte gewunken, wir sollen an ihren Tisch kommen. U. Anderem die Kellnerinnen der täglichen Maracuja Saft, wir wurden ihren Männern vorgestellt, und sofort ein Glas mit Ron Tres Esquina und Coca gefüllt, einige Frauen wollten mit uns tanzen, die Ehemänner gaben Ihre Einwilligung 

Und nach dem Tanz, durften wir sagen, ob sie gut tanzen würden, ehrlich gesagt, ich habe in Kolumbien keine Frau getroffen, die nicht tanzen konnte. 

Es spielten 3 Orchester, und dies waren Orchester mit mindestens 9 Musiker. Klar zum Sprechen blieb nicht viel Zeit. Sie spielten ununterbrochen, wenn das eine fertig mit dem stück war, begann das andere zu spielen. Auch besuchten wir andere Tische von Personen, die uns kannten, unser Spanisch Lehrer Victor Cabreras, dies war der Lehrer, der jeden Morgen die Stunde mit einer frage begann und die lautete an Rolf, warum trägst du keine Socken? war auch mit der ganzen Familie anwesend. Nach meinem Gefühl war es das Fest für einfache Leute.

Wir haben 3 aufeinander folgende Tage getanzt. Einfache Leute, die dich an einem Tisch einluden, und wären sehr entsetzt gewesen, wenn wir unsere Getränke bezahlt hätten. Und alle 3 Abende war gleich freudvoll und unvergesslich. Nach dem Tanzen liefen wir jeweils um ca. 0300 morgens zu unserem Hotel, und schon beim Öffnen der Türe durch den Pförtner, wusste er schon wo wir gewesen waren, jedes Mal, wenn es ein bisschen später nach Hause ging, war die Frage hast du nun eine Verlobte, wir verneinten es, weil wir keine feste Freundin hatten, aber wir waren nicht besorgt.  

Bocachica fortress wall, Cartagena de Indias, Colombia, 1974
Albrecht, Independence Day, November 11, 1811, water on the head and then flour thrown, Cartagena de Indias, Colombia, 1974

Weiterreise nach Medellín

Zwischendurch schauten wir wieder auf unsere Visa und rechneten aus, wie viele Spanisch-Stunden uns noch zustanden. Dann planten wir die Weiterreise durch Kolumbien: zuerst nach Medellín, dann Manizales, hinauf zum Nevado del Ruiz – damals ein schlafender Vulkan auf 5.300 Metern. Leider kam 1985 die große Katastrophe: Der Vulkan brach aus, begrub mit Schutt und Geröll rund 30.000 Menschen und zerstörte das Dorf Armero fast vollständig. 

Weiter sollte es über Popayán, Cali, Pasto und die Grenzstadt Ipiales nach Tulcán in Ecuador gehen. Aber soweit waren wir noch nicht – Kolumbien wollten wir noch nicht verlassen.

Nach den Festtagen waren wir erneut bei Rosario Díaz Granada eingeladen. Zum Nachtessen gab es Poulet mit Arroz con Coco – Kokosnussreis, leicht süßlich und mit intensivem Kokosgeschmack. Delicioso. 

Nach dem Essen wollten wir in den Klub Cartagena gehen, wo ihr Vater Mitglied war. Wir sollten aber noch etwas warten, weil unterwegs noch jemand zu uns stoßen würde. Wir warteten an einer Straßenecke fast zwei Stunden, bis die Person endlich erschien. Rosario sagte zu mir: „Das ist Emilia.“   

„Freut mich“, antwortete ich.   

Emilia sprach sehr gut Englisch, auch Französisch und kam sogar mit Italienisch zurecht. Eine sehr attraktive und freundliche junge Frau. Zu Fuß gingen wir zum Klub. Dank Rosario durften wir hinein. Es gab ein großes Schwimmbecken, Liegestühle und das übliche warme, schöne Wetter. Wir durften Getränke bestellen. 

Ich unterhielt mich lange mit Emilia. Sie war Lehrerin an einer Gewerbeschule für Erwachsene. Ein Teil ihrer Familie wohnte in Medellín, der Vater mit einigen Brüdern nahe der Küste am Ufer des längsten Flusses Kolumbiens, dem Río Magdalena, wo er seine Geschäfte führte. 

Emilia fragte: „Wie werdet ihr weiterreisen?“   

„Wir denken über Medellín und dann Richtung Süden.“  

„Ende Jahr reise ich zu meiner Familie nach Medellín. Wenn ihr dort ankommt, schaut bei uns vorbei. Ruf mich an, ich sage dir, welchen Bus ihr nehmen müsst.“   

„Okay, machen wir – wenn wir in Medellín sind.“ 

Die Tage vergingen fast zu schnell, und der Abschied von Cartagena rückte immer näher. In der Sprachschule gab es für uns und die anderen Schüler eine kleine Abschlussfeier mit Diplom-Übergabe. Dort stand, dass wir beide den Basis-Kurs Spanisch mit der Bestnote bestanden hatten. 

Wir verabschiedeten uns von den anderen Schülern, vom Besitzer und von unserem Lehrer Víctor Cabrera. Auf dem Weg zur Busstation sagten wir auch den Angestellten meiner Lieblings-Cafetería Adiós – dort, wo ich jeden Morgen meinen Maracuyá-Saft getrunken und oft noch einen gratis „Tinto“ bekommen hatte. 

Wir stiegen in den verrosteten Bus zurück zum Hotel. Beim Aussteigen sagten wir „Adiós“, und einige Passagiere fragten: „Geht ihr weg?“ Als wir ja sagten, kam ein „Qué pena“ – schade. 

Am nächsten Tag fiel uns der Abschied vom Hotel noch schwerer. Die Zimmermädchen, die Kellnerin und sogar der Koch mit seiner klaren Suppe hatten uns so gut betreut. Auch vom Hotelbesitzer verabschiedeten wir uns herzlich. Dann ging es zur Busstation, wo wir den Bus nach Medellín bestiegen. 

Die lange Busfahrt von Cartagena nach Medellín kostete 1974 fast nichts – und genau das passte perfekt in diese Zeit. Sie dauerte damals fast 18 Stunden mit vielen Zwischenhalten. Je höher der Bus kam, desto kühler wurde es. Die Busse hatten keine Klimaanlage. Am Anfang kühlte man noch durch die offenen Fenster, doch als wir oben auf dem Pass ankamen (ca. 1.900 m ü. M.), wurde es ziemlich frisch. 

Der Fahrer hielt einige Minuten an. Von dort sah man diese riesige Stadt unten im Talkessel – voll beleuchtet. Es war etwa 2 Uhr nachts. Medellín wird „die Stadt des ewigen Frühlings“ genannt und liegt auf ca. 1.500 Metern Höhe. 

Gegen 3 Uhr morgens hielt der Bus am Busbahnhof. Nur ein paar hundert Meter entfernt lag das Viertel Guayaquil, das damals keinen besonders guten Ruf hatte. Es war stockdunkel, und aus einigen hundert Metern Entfernung hörten wir laute Tango-Musik. Ich sagte ihm Spaß zu Rolf: „Das ist wohl unser Empfang.“ 

Wie Nachtfalter liefen wir dem Licht entgegen. Bald sahen wir unzählige Bars, alle mit Leuchtfarben gestrichen, alles offen, ohne Fenster. Wir waren beide der Meinung, dass uns jetzt nur noch ein Bett guttun würde. Nach dieser langen Fahrt hatten wir keine Lust mehr, lange herumzulaufen und ein Hotel zu suchen. 

An einer Straßenkreuzung hielten wir an. An einer Hauswand leuchtete ein Schild: „Hotel de los Andes“. Okay. Wir standen vor einer Gittertür, drückten die Klingel. Ein Mann kam oben auf der Treppe und fragte: „Was wollt ihr?“   

„Ein Zimmer mit zwei Betten.“   

„Habt ihr Geld?“   

„Ja.“   

„Zeigt es her.“ 

Wir holten einige Scheine hervor. Er stieg die Treppe hinunter, schaute noch einmal nach beiden Seiten, ob niemand dabei war, und öffnete mit einem riesigen Schlüssel die Gittertür. Wir stiegen hinauf, bezahlten das Zimmer für eine Nacht. Als wir uns einschreiben wollten, sagte er nur: „Das hat Zeit, morgen ist auch ein Tag.“ 

Todmüde fielen wir beide auf unsere Betten. 

Botanischer Garten und Einladung bei Emilia in Medellín

Am nächsten Tag besuchten wir den Botanischen Garten. Es war eine wahre Freude für das Auge. Medellín trägt nicht umsonst den Beinamen „Stadt des ewigen Frühlings“ – überall blühte und grünte es in den schönsten Farben. 

Wir verbrachten viel Zeit in der Altstadt, die uns sehr gefiel. Dort gab es günstige Essensgelegenheiten, und es war praktisch Tag und Nacht Betrieb. Langeweile kannten wir nicht. Medellín war damals eine sehr kommerzielle und industrielle Stadt, besonders die Textilbranche war stark vertreten. Das höchste Gebäude der Stadt war zu dieser Zeit der Coltejer-Turm, der sich nach oben hin elegant verdünnt ist. 

Einladung zum Mittagessen

Dann erinnerte ich mich an die Einladung von Emilia, die ich in Cartagena kennengelernt hatte. Ich rief sie an. Sie wiederholte ihre Einladung zum Essen, gab mir die genaue Adresse und erklärte mir, welchen Kleinbus ich nehmen und an welcher Haltestelle sie auf mich warten würde. 

Am Schluss des Telefonats fragte sie: „In welchem Hotel seid ihr abgestiegen?“   

„Im Hotel de los Andes.“   

„In welchem Viertel?“ 

Ich fragte den Angestellten des Hotels. Er antwortete: „Guayaquil.“ Ich wiederholte es ins Telefon. Daraufhin gab die ganze Familie am anderen Ende einen lauten Schrei von sich: „¡Dios mío!“ 

Rolf fühlte sich an diesem Tag nicht wohl, deshalb stieg ich allein in den Kleinbus. An der angegebenen Haltestelle wartete Emilia bereits mit ihren kleinen Schwestern. Es war ein schönes, gepflegtes Viertel mit schönen Häusern. 

Wir traten ins Haus ein. Die Mutter begrüßte mich herzlich, ebenso die weiteren Schwestern. Das Haus hatte viele Zimmer und einen schönen Salon. Dort bekam ich einen Whisky – eine Marke, die ich noch nie gesehen hatte. Später erzählte man mir, dass der Vater ein Hobby daraus gemacht hatte: Eine ganze Wand war voller verschiedener und alter Whiskys. 

Zum Drink gab es kleine, sehr schmackhafte Empanadas. Dann wurde ich zu Tisch gebeten. Es gab Rindsbraten mit einer süßen Sauce und dazu Kokosnussreis – bis heute eines meiner Lieblingsgerichte. Offenbar war die Kunde bis nach Medellín gedrungen, denn als Getränk hatten sie extra einen Saft aus Passionsfrüchten (Maracujas) für mich gemacht. Zum Dessert gab es Caramel-Flan. 

Nach dem Essen folgte noch ein „Tinto“ – schwarzer Kaffee mit Zucker in kleinen Tassen. 

Emilia und ich saßen im Salon und sprachen über alles Mögliche. Sie hatte eine Gruppenreise nach Mexiko gebucht und würde am nächsten Tag abreisen. Ihre Mutter lud mich noch einmal zum Mittagessen ein. Ich sagte zunächst, ich würde nicht kommen, weil Emilia ja auf Reisen sei. Doch sie akzeptierte meine Absage nicht. 

So saß ich zwei Tage später erneut am Tisch in diesem Haus. Das zweite Essen war ebenso gut wie das erste. Die Familie hatte Hausangestellte, gekocht wurde aber immer von der Mutter selbst. 

Beim Abschied bat mich die Mutter, ab und zu schreiben. 

Auf dem Weg nach Manizales und zum Nevado del Ruiz

Zurück im Hotel begannen Rolf und ich, unsere Weiterreise zu planen. Wir fuhren mit dem Bus hinauf nach Manizales auf 2.160 Metern über Meer. Unser Ziel war der Nevado del Ruiz (5.321 m), damals ein angeblich erloschener Vulkan, den man ohne besondere Kletterausrüstung besteigen konnte. 

In Manizales erkundigten wir uns, wie wir weiterkommen konnten. Es ergab sich die Möglichkeit, mit einem Jeep bis zum Eingang des Nationalparks „Parque Nacional Natural los Nevados“ zu fahren und den Rest zu Fuß bis zur Berghütte zu gehen, die etwas unterhalb des Gipfels lag. Der Jeep-Fahrer nahm uns mit, wir bezahlten das Mitfahren. 

Am Eingang des Nationalparks gab es eine Kontrolle und eine Barriere. Ein Student arbeitete dort als Guide und gab uns weitere Informationen. 

Zum Gipfel des Nevado del Ruiz

Wir machten uns auf den Weg. Der Pfad war gut, aber der Aufstieg zog sich über mehrere Stunden hin. Oben auf dem Hochplateau sahen wir endlich die Hütte. Wir traten ein, und der Hüttenwart begrüßte uns freundlich. Er zeigte uns im ersten Stock die Schlafplätze mit Decken. 

Er fragte, ob wir Hunger hätten. Er hätte nur Eier und Arepas anzubieten. Zuerst strich er Butter auf die Arepas, streute etwas Salz darüber und briet je zwei Spiegeleier darauf. Dazu gab es Milchkaffee. Durch die Höhe bekamen wir starke Kopfschmerzen. Wir waren müde vom Aufstieg und legten uns mit den Decken hin. 

Am nächsten Morgen gab es Rühreier mit Brot und Milchkaffee. Als ich zum Fenster hinausschaute, sah ich durch den Nebel eine Silhouette und sagte zu Rolf: „Da kommt jemand.“   

Als die Person näherkam, meinte ich: „Das ist ein Schweizer.“   

Rolf antwortete: „Du spinnst, wie kannst du das von Weitem sehen?“   

„Hier oben, weit weg von allem, gibt es nur Schweizer, die mit einer Zottelkappe einen Berg besteigen.“ 

Der Mann trat ein und begrüßte uns auf Spanisch mit deutlichem Akzent. Ich fragte sofort: „Sie sind Schweizer?“   

Er bejahte lachend. Er arbeitete auf der Schweizer Botschaft in Bogotá. 

Im Laufe des Vormittags fand Rolf ein paar alte Ski und versuchte, auf dem ewigen Schnee zu fahren. Es klappte nicht – der Schnee war zu sulzig. Bevor wir den Rückweg antraten, stiegen wir noch hoch zum Kraterrand. Er sah ruhig und harmlos aus. Leider war das 1985 nicht mehr der Fall, als der Vulkan ausbrach, über 30.000 Menschen tötete und das Dorf Armero fast vollständig unter Schutt und Geröll begrub. 

Vor dem Mittag verabschiedeten wir uns vom Hüttenwart und bezahlten Essen und Übernachtung – für beides zusammen etwa 5 Franken pro Person. Dann begannen wir den Abstieg zurück zum Eingang. 

Der Pförtner sah uns kommen, kam aus seinem Häuschen und sagte: „Ihr müsst nicht bis nach Manizales laufen. Bald kommt ein Lastwagen von der anderen Seite herunter. Ich halte ihn an und frage, ob ihr mitfahren könnt.“   

Er lud uns in sein Häuschen ein, erzählte von seinem Studium und kochte eine exzellente Tortilla mit Kartoffeln, Eiern, Tomaten und guten Gewürzen. Er lud uns ein mitzuessen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, ihm sein Essen wegzunehmen, aber er beruhigte uns. So aßen wir alle drei zusammen. 

Kartoffeln größer als meine Hand

Wir schenkten ihm etwas Kleines. Bald hörten wir ein lautes Brummen. Der Pförtner ging hinaus – ein großer Lastwagen stand auf dem schmalen Weg. Er wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer, und wir durften auf die Brücke steigen. 

Als ich oben stand, traute ich meinen Augen kaum: Der Lastwagen war voll beladen mit handgroßen Kartoffeln, die er in einem kleinen Dorf über 2.000 Meter abgeholt hatte. Er fuhr los Richtung Manizales.

Unten in Manizales angekommen wollten wir dem Fahrer etwas Geld geben. Er nahm es nicht an. Für ein paar amerikanische Zigaretten machte er jedoch ein großes Grinsen und sagte: „Alles okay, danke.“ 

Ich sagte zu Rolf: „Zur Feier des Tages leisten wir uns ein Hotel mit Warmwasser-Dusche.“ In der Nähe der Kathedrale fanden wir eines – günstig und sauber. Ich fragte den Angestellten: „Haben Sie Warmwasser zum Duschen?“ Er bejahte. Ich wollte das Zimmer vorhersehen. Es hatte tatsächlich Warmwasser. Wir bezogen es, machten uns frisch und gingen etwas Feines Essen. In vielen Lokalen wurde gefeiert, aber uns war nicht danach. Die Müdigkeit der letzten drei Tage am Nevado del Ruiz hatte uns ziemlich mitgenommen. 

Am nächsten Tag, als wir die Hauptstraße hinaufliefen, sahen wir plötzlich ein schön dekoriertes Schaufenster. An der Wand hing ein großes Poster mit dem Matterhorn. Es war eine Schweizer Bäckerei-Patisserie. Im Schaufenster lagen Mille-feuilles. Der Preis lag leider weit außerhalb unseres Budgets. So ließen wir es bleiben. 

Von Cali über Popayán nach Pasto

Wir bestiegen wieder einen Bus und fuhren über Pereira und Armenia nach Cali. Dort verbrachten wir einige Tage. Die Stadt trug den Beinamen „Ciudad de la Salsa“ – Stadt des Salsa – und das traf absolut zu. 

 Hauptsächlich streiften wir durch das Zentrum mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten: dem Mudéjar-Turm, der Ortiz-Brücke und der San-Francisco-Plaza. Auch die Altstadt durchquerten wir gerne, betrachteten die alten Gebäude und probierten die Straßenküchen, die genau nach unserem Geschmack waren. Wir versuchten uns sogar am Salsa-Tanzen – mit mäßigem Erfolg. 

Nach einem kurzen Aufenthalt und mit dem Wissen, dass unser Visum für Kolumbien bald ablaufen würde, machten wir uns auf den Weg nach Popayán. In der Nähe dieses Ortes liegt eine große Sehenswürdigkeit: Tierradentro, wo die Ureinwohner vor vielen Jahrhunderten in unterirdischen Kammern lebten. Leider fanden wir keine passende Fahrgelegenheit dorthin. 

Die Straße zwischen Cali und Popayán klebte förmlich am Berg – ein schmales Band hoch über dem Patía-Tal. Der Bus fuhr auf Reifen, so glatt wie ein Babypopo, während die Straße wie angeklebt an der steilen Flanke hing. Jede Kurve verlangte dem Fahrer volle Konzentration ab. 

Popayán – die weiße Stadt

Die Altstadt von Popayán mit ihren engen Gassen und weiß getünchten Häusern war und ist sehr sehenswert. Der Glockenturm und die Kathedrale stehen im Zentrum. Der Markt war voll von einheimischen Indios in ihren farbenprächtigen Trachten, die alle möglichen Waren anboten – alles in leuchtenden Farben. 

Von Popayán aus nahmen wir den Bus nach Pasto. Im Zentrum (Altstadt) fanden wir ein kleines, gutes Hotel. Dank unserem South American Handbook wussten wir schnell, was sehenswert war: unzählige Kirchen und das Goldmuseum, in dem Werke verschiedener Kulturen ausgestellt sind. 

Die Nähe zu Ecuador hatte in dieser Region viele archäologische Grabungen hervorgebracht, die wissenschaftlich erforscht wurden. Manche Funde reichen über 2.000 Jahre zurück. Früher waren hier unzählige Stämme sesshaft. Die Spanier brachten viel durcheinander – einige Sprachen und Dialekte verschwanden damals komplett. 

Leider reichte unsere Zeit in Kolumbien nicht mehr aus, um am berühmten Karneval „de los Negros y Blancos“ teilzunehmen, der jedes Jahr im Januar stattfindet. Im Zentrum gab es dafür viele handwerklich hergestellte Waren: Webereien, Steinmetzarbeiten, Holzschnitzereien und mehr. Sogar einige große französische Couturiers sollen sich hier Inspiration für ihre Kollektionen geholt haben.