Japan
Gegen Ende des Nachmittags kamen wir
in Yokohama an.
Die Einreise war unkompliziert – Pässe wurden gestempelt und das war’s schon. Nach dem Ausschiffen stellten wir fest, dass rund um den Hafen richtig viele Leute unterwegs waren. Es gab überall Essstände und es sah sehr festlich aus. Wir dachten: „Bleiben wir doch einfach hier und schauen, was passiert.“ Es war ein angenehmer Sommertag. Plötzlich ging ein grandioses Feuerwerk los und dauerte über eine Stunde. Ich sagte zu Rolf: „Das ist sicher zu unseren Ehren!“ Er grinste nur.
Erste Eindrücke im Hafen von Yokohama
Unsere ersten Eindrücke von Japan waren vor allem die Freundlichkeit der Menschen und diese unglaubliche Ruhe, die selbst im belebten Hafen spürbar war. Die Luft fühlte sich klarer an, die Geräusche gedämpfter als in Russland, und alles schien sich in einer fast meditativ wirkenden Ordnung zu bewegen. Wir verließen das Hafengelände und spazierten ohne Ziel am Wasser entlang. Immer wieder lockten uns die Gerüche von exotischen Speisen aus kleinen Garküchen und Marktständen. Viele Einheimische trugen traditionelle Kleidung, was dem ganzen Tag eine ganz besondere Atmosphäre gab.
Jugendherberge in Japan
Am späten Abend haben wir endlich die Jugendherberge gefunden, die wir schon in der Schweiz ausgesucht hatten. Dort waren nur Japaner – fast alles Jugendliche, ich schätze unter 20 Jahren. Die starrten uns richtig an.
Der Verantwortliche zeigte uns sehr nett die Räume, inklusive Toilette (die für uns Europäer etwas speziell war), Dusche und Schlafräume. Alles war ordentlich, sah ziemlich neu aus und war super sauber.
Die Schlafräume hatten je sechs normale Betten. Die japanischen Jugendlichen liefen uns überall nach und hörten bei den Erklärungen gespannt zu. Danach gingen wir in den Aufenthaltsraum – und alle kamen nach. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich einer traute, uns in wackeligem Englisch zu fragen, woher wir kommen. Er übersetzte dann alles für die anderen. Es ging Frage um Frage.
Punkt 22:00 Uhr ging das Licht aus – begleitet von Musik und der japanischen Nationalhymne. Danach sind auch wir ins Bett gegangen.
Um 6:00 Uhr morgens erklang dieselbe Musik wieder – das hieß: Tag und aufstehen! Die jungen Japaner standen praktisch wie beim Militär vor ihren Betten. Wir duschten zuerst (die Duschen funktionierten einwandfrei), dann gingen wir in den Aufenthaltsraum und holten uns aus dem Automaten Knäckebrot und Kaffee. Ich hatte vorsorglich schon in der Schweiz ein paar Yen gekauft.
Wir fragten die Jugendlichen, wie man am besten nach Tokyo kommt. Sie erklärten uns genau, welche Bahn wir nehmen sollten und wo wir ein relativ günstiges Hotel finden würden. (Was in Tokyo als „günstig“ galt, war allerdings etwas anderes, als wir uns vorgestellt hatten.)
Fahrt nach Tokyo
Nach der Ankunft in Tokyo suchten wir zuerst unser Hotel und checkten ein. Danach haben wir sicher eine Stunde lang auf einer Bank gesessen und einfach nur gestaunt: über die vielen Menschen, den Autoverkehr, die unglaubliche Sauberkeit auf den Straßen – kein Zigarettenstummel, kein Kaugummi am Boden. Das Einzige, was uns negativ auffiel, war die schlechte Luft.
Am Bahnhof fanden wir ein Touristenbüro, wo man sich richtig gut verständigen konnte. Die Leute dort waren sehr hilfsbereit und erklärten uns, dass man Tokyo am besten mit der U-Bahn erkundet. Wir hatten null Ahnung davon – in der Schweiz, wo wir aufgewachsen sind, gab es gerade mal drei Buslinien, geschweige denn eine U-Bahn.
Die Angestellte nahm sich richtig Zeit, zeigte uns anhand einer Karte die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und erklärte genau, welche U-Bahn-Linie wir nehmen sollten. Ich muss sagen: Wir fanden uns erstaunlich schnell zurecht und begannen, alles, was uns interessierte, mit der U-Bahn anzusteuern. Bei der freundlichen Dame haben wir uns auch gleich ein kleines Abo für mehrere Tage besorgt.
Beim Einsteigen in die U-Bahn fiel mir sofort einiges auf: Kein Gedränge. Die Wartenden stellen sich rechts von den Türen auf, in der Mitte bleibt ein Gang frei für die Aussteigenden. Alles verläuft ruhig, fast niemand spricht, die Bahn ist super sauber. Es herrscht ein riesiger gegenseitiger Respekt – auch zwischen den Generationen. Viele dösen vor sich hin. Und zu meinem Erstaunen riecht es gut, keine unangenehmen Gerüche.
Von diesen Erlebnissen beeindruckt, freuten wir uns schon auf die weiteren Stationen unserer langen Reise.
Besuch von Nikko
Außerhalb von Tokyo haben wir den Nationalpark Nikko besucht. Die Fahrt ging zuerst mit der U-Bahn, dann mit einer normalen Bahn. Wir verbrachten den ganzen Tag dort und aßen unsere allererste echte japanische Mahlzeit. Abends fuhren wir zurück in die Großstadt Tokyo.
Mit dem Zug sind wir von Tokyo aus in etwa einer Stunde nach Kamakura gefahren und haben dort den berühmten großen Buddha sowie die kleinen Gassen besichtigt.
Leider stellte sich unser Wunsch, in Tokyo eine Judo-Schule zu besuchen, als unmöglich heraus. Es hätte zwar grundsätzlich geklappt, aber unser Budget hat das nicht hergegeben. So haben wir diesen Traum schweren Herzens begraben.
In Tokyo haben wir folgende Orte besucht:
Shinjuku Gyoen National Garden
Kaiserpalast
Tsukiji Fishmarkt (Alter Fischmarkt)
Saitama Chichibu Tour mit vielen Tempeln
Ein unerwartetes Wiedersehen in Tokio
Auf meiner Reise um die Welt habe ich Menschen getroffen, die mich bis heute prägen. Einer davon war Nobudada – ein junger Japaner, den wir Jahre zuvor schon in Biel kennengelernt hatten. Als wir dann endlich in Tokio ankamen, führte eine einfache Adresse zu einer herzlichen Einladung, einem traditionellen japanischen Bad, einem unvergesslichen Abendessen und einer Nacht auf Tatamis.
Aus einer flüchtigen Begegnung wurde ein richtig schöner Moment echter Gastfreundschaft – mitten in der größten Stadt der Welt.
Ein Japaner in Biel
Einige Zeit vor unserer Abreise haben wir in Biel einen Japaner kennengelernt. Er machte dort eine Praxis-Ausbildung in einer mechanischen Firma. Sein Name war Nobudada. Er sagte uns immer wieder: „Wenn ihr einmal in Tokio seid, kommt mich unbedingt besuchen!“
Wir hatten eine Adresse, fanden sie einigermaßen und als wir im Quartier waren, halfen uns unzählige Leute, ihn zu finden. Er selbst war nicht da – die Adresse gehörte seinem älteren Bruder. Der hatte eine kleine Schreinerei. Man konnte sich gut mit ihm verständigen. Er erzählte uns, dass sein Bruder auf der anderen Seite von Tokio wohnen und arbeiten würde. Tokio ist
flächenmäßig die größte Stadt der Welt – ihr könnt euch vorstellen, was das heißt: „auf der anderen Seite der Stadt“!
Der ältere Bruder rief ihn an. Nobudada kam extra von der anderen Seite Tokios herüber, und wir trafen ihn bei seinem Bruder.
Typisches japanisches Bad
Der ältere Bruder lud uns zu einem japanischen Bad in seinem Haus ein. Das kannte ich bis dahin nur vom Hörensagen. So lief es ab: Zuerst gingen alle Männer (wir waren zu fünft) in einen Raum und wuschen uns richtig gründlich von oben bis unten. Danach ging es in einen anderen Raum, in dem eine große Holzwanne stand. Das Wasser war verdammt heiß! Wir stiegen hinein und klopften uns gegenseitig den Rücken mit einem Büschel ab. Anschließend zogen wir uns wieder an.
Typisches japanisches Essen zu Hause
Danach wurden wir von der Frau des Bruders zum Essen eingeladen. Es gab lauter kleinen Schälchen mit unzähligen Sachen, die ich noch nie gesehen hatte. Alles schmeckte vorzüglich – sogar der rohe Fisch. Nach dem Essen lud uns der ältere Bruder noch zum Bowling ein.
Bowling in Tokio – 150 Bahnen!
Am Eingang musste man spezielle Bowling-Schuhe anziehen. Ein Angestellter maß meine Füße und machte offenbar einen lustigen Kommentar über meine Schuhgröße zu den anderen. Er verschwand und kam mit einem Paar ziemlich staubiger Schuhe zurück. Sie passten trotzdem, und wir legten los.
Der Abend war fröhlich und entspannt. Ich habe die Bahnen gezählt – es waren insgesamt 150 Bowlingbahnen. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen.
Danach fuhren wir zurück zum Haus des Bruders. Seine Frau hatte für uns Liegeplätze auf Tatamis hergerichtet. Gute Nacht, japanisches Frühstück am Morgen und eine herzliche Verabschiedung von allen. Zum Schluss haben sie uns noch gut erklärt, was wir unbedingt sehen sollten und wie wir am besten dorthin kommen.
Schlafen auf Tatamis
Später kehrten wir ins Haus des Bruders zurück. Seine Frau hatte für uns Schlafplätze auf Tatamis vorbereitet.
Am Morgen gab es ein traditionelles japanisches Frühstück, bevor wir uns herzlich verabschiedeten. Wir bekamen noch viele gute Tipps, was wir in Tokio unbedingt sehen sollten und wie wir am besten dorthin kommen.
Nachdem wir in Tokyo gemerkt hatten, dass unser Geld nicht weit reichen würde, entschieden wir uns, weiterzureisen. Per Schiff. In einem Passagierbüro fanden sie für uns einen „Restplatz“ auf einem Kreuzfahrtschiff – der Princess Oriental. Das Schiff kam aus San Francisco und kreuzte durch den Pazifik.
Wir bekamen eine Kabine ganz unten, aber mit allem Komfort. Die anderen Gäste waren fast ausschließlich Senioren aus den USA. Die luden uns immer wieder mal zu einem Drink ein – das hat unseren Geldbeutel spürbar geschont.
Es gab auch eine Capitains Dinner Party. Als ältester Schweizer an Bord (wir waren nur zu zweit) durfte ich am Tisch des Kapitäns sitzen. Nebenbei bemerkt: Es war ein chinesisches Schiff. Das Capitains Dinner war super exklusiv chinesisch, die anderen Mahlzeiten waren westlich. Alles war sehr gut, und die gesamte Crew bestand aus Hongkonger Chinesen.
Die Überfahrt von Yokohama nach Hongkong dauerte 4 Tage und 3 Nächte.