Peru
Über die Grenze nach Peru und die zweite Revolution
Okay, fahren wir los an die peruanische Grenze. Kurz davor hielt der Bus an, weil er nicht über die Grenze fahren durfte. Jemand hatte von einem peruanischen Konsul in diesem Ort gesprochen. Wir fanden die Adresse in einem sehr alten Haus im ersten Stock. Wir klopften an die Tür. Ein sehr alter Mann mit schütterem Haar öffnete und bat uns herein.
Wir erzählten ihm, dass es anscheinend jetzt ein Visum für die Einreise nach Peru brauche. Er lachte laut und sagte: „Das ist wohl ein Witz. Für euch braucht es kein Visum.“
Es war schon später Nachmittag, und wir wollten uns verabschieden. Er fragte: „Wo geht ihr jetzt hin?“
„Wir suchen ein Hotel und gehen morgen über die Grenze.“
„Das ist nicht nötig. In einigen Minuten fahre ich nach Hause auf die andere Seite der Grenze. Wenn ihr wollt, könnt ihr auf der Brücke in meinem Jeep mitfahren.“
Wir bedankten uns herzlich, stiegen die Treppe hinunter und warteten ein paar Minuten. Der Herr kam, bat uns aufzusteigen, und fuhr los. Nach einiger Zeit erreichten wir die Grenze. Die peruanischen Zöllner begrüßten ihn herzlich – offenbar fuhr er jeden Tag nach Hause. Der Zöllner fragte nach uns beiden auf der Brücke. Der Konsul antwortete: „Es sind meine Freunde.“ Ohne dass wir die Pässe vorzeigen mussten, durften wir weiterfahren. Bei keinem anderen Grenzübergang ging es so einfach.
Im gesamten Verlauf unserer Reise hatten wir an keiner Grenze ernsthafte Probleme. Manchmal versuchten Zöllner, ein bisschen Geld von uns zu bekommen, aber unser Basis-Spanisch-Kurs erwies sich dabei oft als sehr nützlich.
Der Konsul setzte uns in einem kleinen Dorf ab, wo wir ein gutes und günstiges Hotel fanden. Wir verbrachten dort nur eine Nacht. Am nächsten Tag stiegen wir in den Bus, der uns über Chiclayo nach Trujillo brachte.
Fahrt nach Trujillo
In Trujillo bezogen wir ein Zimmer in einem kleinen, sauberen Hotel. Der Vermieter machte uns darauf aufmerksam, dass manchmal mit Wasserknappheit zu rechnen sei.
Wir erkundeten die Plaza de Armas – ein sehr schöner Platz mit vielen Gebäuden, die noch aus der Zeit der spanischen Eroberung stammten. Mit einem Collectivo-Taxi fuhren wir zu den Chan Chan-Ruinen, einer aus Lehm gebauten Stadt, die von den Chimus bewohnt wurde. Der Schweizer Forscher Johann Jakob von Tschudi war maßgeblich an der Erforschung dieser Stätten beteiligt. Heute gibt es dort eine nach ihm benannte Ära, die restauriert wurde. Nach unserer Besichtigungstour und einem großartigen Abend in der Altstadt mit jungen Leuten fuhren wir am nächsten Tag mit dem Bus weiter nach Lima.
Bequemer Bus nach Lima
Nach einer etwa zehnstündigen Fahrt entlang der Küste kamen wir in Lima an. Wir bezogen ein Zimmer unweit des Busbahnhofs. Bald entdeckten wir die „Chifas“ – chinesische Restaurants mit sehr guter Küche. Sie wurden meist von Nachkommen der chinesischen Arbeiter betrieben, die früher von ausländischen Baufirmen für große Bauprojekte ins Land geholt worden waren.
Heutzutage gilt die peruanische Küche als eine der besten der Welt. Diese feinen Lokale konnten wir uns damals nicht leisten, aber wir waren immer sehr zufrieden mit den Chifas: vorzüglich gekocht, sehr freundlich bedient, und die Bedienung war meist chinesischer Abstammung.
Wir besuchten auch die Altstadt von Lima, wo wir einen ganzen Straßenzug nur mit Chifas fanden. Das Essen war ausgezeichnet und sehr günstig.
Den Regierungspalast und die erzbischöfliche Residenz konnten wir nur von außen bewundern. Wir fanden auch den Bahnhof und kauften Tickets für die Zugfahrt von Lima nach Huancayo. Wir planten, übernächsten Tag zu fahren. Der Zug ging um 6:30 Uhr, und das schmiedeeiserne Bahnhofstor wurde um 6:00 Uhr geöffnet.
Panzer fuhren durch die engen Straßen
Auf dem Rückweg zu unserem Hotel hörten wir plötzlich einen unheimlichen Lärm. Wir waren sehr überrascht, als plötzlich die schmale Straße, in der wir uns befanden, von Panzern befahren wurde. Wir beide verschwanden schnell in einem Hauseingang und ließen die Panzer vorbeifahren.
Danach gingen wir weiter hinunter zur Plaza de Mayor – ein sehr schöner, großer Platz mit einem großen Denkmal in der Mitte. Der Platz war voller Menschen, die Parolen riefen und Schilder in die Luft hielten. An zwei Ecken standen Panzer. Zuerst wurde den Leuten gesagt, sie sollen verschwinden. Ein Zuschauer neben uns übersetzte.
Wir standen am Rand dieses schönen Platzes.
Mit Maschinengewehren über die Leute geschossen
Nach einer gewissen Zeit wurde mit Maschinengewehren über den Platz geschossen. Alle Anwesenden warfen sich auf den Bauch. Ich sagte zu Rolf: „Komm, wir haben hier nichts verloren. Ich will weiterreisen.“ Rolf war derselben Meinung. Wir schlichen uns an den Hauswänden entlang, bis wir in die kleine Straße einbogen, in der unser Hotel lag, und bezogen unser Zimmer.
Das war bereits die zweite Revolution, die wir während unserer Reise erlebten. Die erste war in Laos gewesen.
Am nächsten Tag standen wir sehr früh auf. Eine Angestellte gab uns einen schwarzen Kaffee mit viel Zucker und ein Maisbrötchen. Zu Fuß gingen wir zum Bahnhof. Es war noch nicht 6 Uhr, und schon wartete eine ganze Menge Menschen beim Eisentor auf Einlass. Wir reihten uns hinten an und wurden neugierig beobachtet. Ich sah keinen einzigen anderen Ausländer. Die meisten Passagiere waren Einheimische mit Sack und Pack, Kleinkindern, Hühnern und kleinen Käfigen.
Ein Angestellter der Eisenbahn sagte uns, wir sollten möglichst vorne in den Wagen steigen – die meisten anderen bevorzugten die ersten Wagen am Quai.
Lima nach Huancayo (4.781 m ü. M.)
Der Zug fuhr los, gezogen von einer Diesellokomotive. Zuerst ging es durch ein ziemlich flaches Tal entlang einem kleinen Fluss, dann über viele Spitzkehren steil den Berg hinauf. Wie bereits erwähnt war der Wagen vollbesetzt mit Einheimischen und Indios. Die Frauen trugen weite, buntfarbige Röcke und Hüte. Wir saßen am Fenster und konnten bei jeder Spitzkehre beobachten, wie Zugarbeiter absprangen, um die Weichen für das Aufwärtsfahren umzustellen.
Neben Rolf und mir saß eine Indio-Frau, auf der anderen Seite vier weitere Frauen mit Kleinkindern und sogar einem Säugling. Gepäck war reichlich vorhanden. Ich gehe davon aus, dass sie sich alle kannten – sie grinsten ständig und erzählten sich etwas. Wir waren wahrscheinlich das Thema.
Die Fahrt dauerte noch einige Stunden bis zum höchsten Punkt der Strecke: La Oroya auf 4.781 Metern über Meer. Die gesamte Fahrt dauerte etwa zehn Stunden. In Huancayo
Nach einiger Zeit begann die Frau neben mir, meinen Unterarm abzutasten. Sie machte einen Kommentar, die anderen Frauen grinsten.
Dann tastete sie meinen Oberarm und meine rechte Schulter ab – vermutlich erklärte sie den anderen, dass ich kräftig sei.
Schliesslich legte sie auch Hand an meinen rechten Oberschenkel.
Ich kam mir dabei ein wenig vor wie ein Tier auf dem Markt.
Als sie andeutete, auch unterhalb meiner Gürtellinie weiterzumachen, sagte ich laut und deutlich:
„¡Nada!“ – Nein.
Damit war die Abtasterei beendet. In Huancayo angekommen winkten wir den grinsenden Frauen zu – sie winkten zurück und grinsten noch breiter. Einmal einen Gringo abzutasten war wohl ein einmaliges Erlebnis für sie.
Wir fanden ein kleines, einfaches Hotel direkt neben einer Radiostation. Die Wände waren nicht besonders gut isoliert, sodass wir bis Mitternacht musikalische Unterhaltung hatten. Lustig.
Kein Bus nach Cusco
Am nächsten Tag bestiegen wir den Bus nach Ayacucho. Wir wollten dort nur umsteigen, konnten es aber nicht, weil die Strecke von Ayacucho nach Cusco durch viele Erdrutsche blockiert war. So waren wir gezwungen, den Flug von Ayacucho nach Cusco zu nehmen. Der Flug dauerte etwa drei Stunden.
In Cusco angekommen fanden wir eine Herberge etwas oberhalb der Plaza de Armas. Sie wurde von einem Österreicher geführt. Die Zimmer waren einfach, die Betten aber mit genügend Decken ausgestattet, Dusche auf dem Gang. Rings um die Plaza gab es viele kleine Restaurants und Strassenküchen.
Wir besuchten die Jesuitenkirche. Nachdem die Spanier erobert und geplündert hatten, errichteten sie ihre Kirchen und Häuser auf den Grundmauern der Inkastätten. Cusco liegt auf 3.400 Metern über Meer – wir fanden das Klima angenehm.
Etwas außerhalb der Stadt besuchten wir die eindrückliche Inkafestung Sacsayhuamán, gebaut aus riesigen, fugenlos ineinandergefügten Steinblöcken. Man bringt kein Stück Papier in die Fugen – wie das gemacht wurde, bleibt bis heute ein Rätsel. Auch das Museo Inka besuchten wir.
Gastronomisch wurden vor allem Meerschweinchen (Cuy) angeboten. Außerhalb der Stadt sahen wir auf einer kleinen Wanderung, wie die Einwohner diese Tiere in der Küche hielten und mit Haushaltsresten fütterten. Bei uns in Europa gelten sie als Haustiere, die oft viele Streicheleinheiten bekommen. Hier in Peru und Bolivien betrachtet man sie vor allem als Fleischlieferanten.
Für einige Tage später hatten wir den Ausflug nach Machu Picchu geplant. Wir kauften die nötigen Tickets für den Zug (Eintritt für die Ruinenstadt wurde damals noch nicht verlangt). Wir bestiegen einen einfachen Zug – keine touristische Version – der bis zur Station unten bei Machu Picchu fuhr. Die Fahrt dauerte etwas mehr als eine Stunde und verlief fast die ganze Zeit entlang dem Urubamba-Fluss.
An der Station wartete ein kleiner Bus, der uns hinauf zur Ruinenstadt brachte. Wir verbrachten praktisch den ganzen Tag dort, liefen viel herum, machten Fotos und saßen auch an Stellen, wo das heute strengstens verboten ist. Aus Erzählungen von Bekannten, die in den letzten Jahren dort waren, ist inzwischen alles eingezäunt und viele Orte nicht mehr zugänglich.
Hotels gab es 1974 noch keine. Wir gedachten, den kleinen Picchu (Huayna Picchu) zu erklimmen, doch es begann stark zu regnen. Ein Ranger riet uns dringend davon ab, weil die in den Stein gehauenen Treppen sehr glitschig seien.
Ende Nachmittag bestiegen wir wieder den Zug zurück nach Cusco. Es war ein schöner, erlebnisreicher Tag.
Weiter nach Puno und über die Grenze nach Bolivien
Von Cusco aus ging unsere Reise mit dem Zug weiter nach Puno. Der Zug fuhr sehr langsam und brauchte etwa zehn Stunden. Es gab unzählige Halte, bei denen Passagiere zu- oder ausstiegen. Fast an jeder Station wurde etwas verkauft – unter anderem Käse aus Lamamilch und gegrillte Choclos (Maiskolben). In den Anden Südamerikas haben wir uns sehr oft mit diesen gegrillten Maiskolben verpflegt.
Ich persönlich hatte schon am Anfang unserer Südamerikareise bei kleinen Straßenhändler entdeckt, die winzige Dosen gezuckerter Kondensmilch der Marke Stalden verkauften. Ab und zu gönnte ich mir so eine kleine Dose – nicht billig, aber sie tat meinem Magen gut.
Zimmer in Puno und die schwimmenden Inseln der Uros
In Puno bezogen wir ein Zimmer. Am nächsten Tag fuhren wir mit einem kleinen Motorboot zu den schwimmenden Inseln der Uros.
Rolf und ich waren die einzigen Ausländer an Bord, als plötzlich zwei Männer angelaufen kamen – südländischer Typ, im Anzug mit hellem Hemd, Krawatte und Straßenschuhen. Ohne Vorurteile, aber diese zwei passten absolut nicht ins Bild.
Kaum hatte das Boot abgelegt, fragte einer der Männer: „Seid ihr Deutsche?“
„Nein.“
„Österreicher?“
„Nein.“
„Dann seid ihr Schweizer.“
„Ja.“
Die Fragen wirkten in dieser Umgebung sehr seltsam. Ich versuchte, ihren Akzent einem Land zuzuordnen – es gelang mir nicht. Rolf und ich verstanden uns ohne Worte; ein paar Blicke genügten. Rolf fragte zurück: „Und ihr, woher seid ihr?“ Der eine gab keine Antwort: „Ist egal.“
Diese Begegnung hatte für uns keinen Wert. Als das Boot bei der Insel anlegte, konnten Rolf und ich unser Lachen kaum noch verkneifen: Die beiden sanken mit ihren Stadtschuhen sofort ein bisschen in das Schilf ein. Kaum waren sie auf der Insel, standen sie schon wieder auf dem Boot. Der Bootsführer wollte sofort zurückfahren. Wir sagten ihm: „Wir sind gerade erst angekommen – lass uns noch ein bisschen bleiben.“
Wir wollten an diesem Morgen die Bewohner der Insel besuchen. Die Inseln sind aus Totora-Schilf gebaut und werden bei Bedarf immer wieder „nachgefüllt“, damit sie nicht im Wasser versinken. Es lebten nur wenige Menschen ständig dort. Das Totora-Schilf wird auch gegessen – roh oder gekocht, wie man uns zeigte. Ich probierte es roh und fand es angenehm frisch. Ihre Boote bauten sie ebenfalls aus Totora-Schilf; wenn eines nicht mehr schwamm, wurde einfach ein neues gebaut.
Wolle schmuggeln für die Indio-Frauen
Zurück im Hotel aßen wir zu Abend und erkundigten uns, wie wir weiter nach La Paz in Bolivien kommen konnten. Es gab pro Tag nur zwei Collectivo-Taxis, die diese Strecke fuhren – eines um 6 Uhr morgens mit Ankunft im Laufe des Nachmittags. Wir entschieden uns für das frühe.
Wir standen rechtzeitig auf und gingen zur Haltestelle. Dort warteten viele Indio-Frauen. Eine von ihnen entdeckte unsere fast leeren Rucksäcke und begann, Rolfs und meinen Rucksack mit Wollknäueln vollzustopfen – richtig voll. Ich versuchte es mit meinem Spanisch, aber alle Frauen grinsten nur. Ich nahm an, dass zwischen Peru und Bolivien ein reger Wollschmuggel stattfand. Ich hatte dabei kein schlechtes Gewissen.
Es war ein kleiner Bus. Wir saßen alle gut zusammengepfercht. Unterwegs gab es eine Polizeikontrolle. Der Polizist schaute mich an und fragte: „Woher kommst du?“
Ich antwortete auf Spanisch: „Soy suizo.“
Ich glaube, der halbe oder ganze Bus machte ein beeindrucktes „Hm, hm…“
Der Polizist ging weiter, aber vor der Weiterfahrt steckte der Fahrer ihm eine kleine Note zu.